Der nachfolgende Essay „Globale Kleidung – Einführung in den Themenkomplex Globalisierung und Textilien“ wurde von Simone Münzer im Rahmen ihres Studiums verfasst. Der Text handelt von den Verflechtungen der Globalisierung am Beispiel von Kleidung vor dem Hintergrund aktueller Handelsrouten und Wirtschaftsgefällen.

Der Wunsch, sich zu schmücken, ist so alt wie die Menschheit. Waren es zunächst Körperbemalungen und Körperschmuck, mit denen Menschen sich dekorierten, kam mit den ersten Stoffen die Kleidung als weitere Ausdrucksform hinzu. Traditionelle Kleidung gab nicht nur Auskunft über die Herkunftsregion ihrer Träger, sondern oft auch über deren Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe, einer Religionsgemeinschaft oder einem bestimmten Berufsstand. Jahrhundertelang funktionierte Kleidung daher als Spiegel kultureller Identität.
Mit fortschreitender Globalisierung trat diese Funktion der Kleidung fast völlig in den Hintergrund. Globale Werbespots preisen Kleidungsstücke an, die dank internationalen Handels fast überall auf der Welt verfügbar sind. Damit wird eine Konsumwelt geschaffen, in der sich Lebensstile mehr und mehr angleichen. Das wiederum führt unter anderem zum Phänomen globaler Kleidung. Jeans derselben Marke werden heute auf allen Kontinenten getragen. Das Sortiment von Bekleidungsfilialen großer Handelsketten in Großstädten rund um den Erdball unterscheidet sich von New York über Peking bis Berlin nur minimal. Mit Internetzugang lässt sich globale Kleidung von fast jedem Ort dieser Welt ordern.
Die Bekleidungsindustrie ist ein Wirtschaftszweig, der besonders anschaulich demonstriert, wie umfassend Produktions- und Vermarktungsprozesse im 21. Jahrhundert global vernetzt sind und nach welchen Mechanismen Globalisierung funktioniert. Gerade in dieser Branche sind aber zugleich die sozialen Verwerfungen im Zuge der Globalisierung unverkennbar. Ein Blick auf die Etiketten unserer Kleidung zeigt: sie kommt von weit her. Die meisten unserer Kleidungsstücke haben bereits eine lange Reise hinter sich, bevor wir sie tragen. Tagtäglich kommen wir über unsere Kleidung ganz hautnah mit der Globalisierung in Berührung.

Jeans - eine weltweite Ware für die lokalen Märkte

T-Shirts und Jeans auf Weltreise

Weltmeister im Textilverbrauch sind die Deutschen mit 28 Kilogramm pro Kopf im Jahr. Rund zwei Drittel davon sind Kleidungsstücke. Darunter T-Shirts für weniger als fünf Euro. Wie kann ein Kleidungsstück, das bereits mehrere Tausend Kilometer gereist ist, bevor es uns als Verbraucher erreichte, weniger kosten als eine Pizza beim Italiener um die Ecke? Darüber machen sich die wenigsten Konsumenten Gedanken. Die amerikanische Wirtschaftsprofessorin Pietra Rivoli ging der Frage auf den Grund, welchen Weg ein T-Shirt zurücklegt bis es in einem entwickelten Industrieland wie den USA verkauft wird und was mit dem Kleidungsstück passiert, nachdem es in einen Altkleidercontainer geworfen wurde. (Rivoli, Pietra: Reisebericht eines T-Shirts: Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft. Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien, 2006) Sie begab sich auf die Reise und vollzog den Weg eines in Fort Lauderdale für 5,99 Dollar gekauften T-Shirts nach. Ihr Weg führte sie von Texas über Kalifornien nach Schanghai, weiter zu den Produktionsstätten in China, zurück in die USA und schließlich nach Tansania, wo das getragene T-Shirt ein zweites Mal auf den Markt kam.

Anhand eines globalen Alltagsprodukts werden so wirtschaftliche Zusammenhänge, und die komplexen Strukturen des Welthandels anschaulich. Gleichzeitig beleuchtet dieser „Reisebericht eines T-Shirts“, welche Folgen die Globalisierung für die einzelnen Beteiligten der globalen Verflechtung des Wirtschaftsgeschehens hat. Ein Exkurs zur Geschichte der Textilindustrie macht deutlich, wie dieser Wirtschaftszweig als Motor von Industrialisierung funktioniert. Ebenso wie das T-Shirt zählen Jeans zur globalen Kleidung, die überall auf der Welt getragen wird. Der Autor Richard Gerster hat den Weg einer Jeans nachgezeichnet, die in Europa verkauft wird. (Gerster, Richard: Globalisierung und Gerechtigkeit. hep-Verlag, Bern, 2001) Die in Indien oder Kasachstan produzierte Baumwolle wird in der Türkei zu Garn versponnen, das anschließend auf die Philippinen zum Einfärben geschickt wird. Die dafür verwendeten Farben stammen häufig aus Deutschland.

Aus der gefärbten Baumwolle wird in Taiwan der Jeansstoff gewebt. Zugeschnitten wird mitunter noch in Europa. Genäht wird derzeit am häufigsten in China oder Bangladesch. Die für die Fertigung verwendeten Kurzwaren – wie Garne, Nieten und Knöpfe stammen oft aus Italien oder Frankreich. Ausgewaschene Jeans machen nun noch einen Abstecher nach Griechenland oder in die Türkei, wo sie mit Steinen gewaschen oder mit Sand gestrahlt werden. Nachdem ihr erster Käufer die Jeans in Deutschland oder anderswo gekauft und getragen hat, gelangt sie womöglich über eine Altkleidersammlung nach Afrika, wo sie ein zweites Mal verkauft und getragen wird. Per Containerschiff über die Ozeane, auf Schienen und Straßen reist eine Jeans und zuvor das Material für die Hose also mehrere Tausend Kilometer rund um den Globus.

Mit dem Schiff erreichen viele Waren das europäische Festland

Reiserouten von Textilien damals und heute

Begehrte Rohstoffe und Waren haben auch in der Geschichte lange Wege zurückgelegt. Eine der bekanntesten Handelsrouten, deren Name sofort an Kleidung denken lässt, ist die Seidenstraße – eine ungefähr 6.000 Kilometer lange Handelsstraße von Ost nach West, die Asien und Europa verband. Vor allem auf Kamelen wurden diverse Waren durch die Wüste und andere unwirtliche Gebiete transportiert. Transkontinentalen Handel zu organisieren, war schon in vergangenen Jahrhunderten eine komplexe Aufgabe.

Es gibt Stimmen, die behaupten, die Textilwirtschaft sei schon seit der Antike ein „Global Player“. Deshalb sei sie seit langem ein Vorreiter der Globalisierung. Unabhängig davon, ob man dieser These zustimmen mag, steht fest: Textilproduktion ist heute ohne internationale Beziehungen und Verflechtungen undenkbar. Weltumspannende Netzwerke sorgen dafür, dass Rohstoffe und Zwischenprodukte an ganz unterschiedlichen Orten produziert und verarbeitet werden können bis sie schließlich als fertiges Produkt zum Verbraucher gelangen.

Eine wesentliche Voraussetzung für das erfolgreiche weltumspannende Agieren der Textilwirtschaft ist der Service ebenso global aufgestellter Transport- und Logistikunternehmen. Das Gros der im Verlauf des verzweigten Produktionsprozesses in der Textilbranche anfallenden Transporte erfolgt per Containerschiff. Ein Beleg dafür ist das explosive Wachstum der Containerschifffahrt parallel zum Exportwachstum von Fertigwaren.

Textilien auf dem Asiatischen Markt

Gleichzeitig gewinnt mit der enormen Ansiedlung von Industrie im asiatischen Raum auch die Seidenstraße wieder an Bedeutung. Neu erbaute Straßen erleichtern das Passieren vorher unwegsamer Gebiete in der industrialisierten Region und traditionelle Handelswege sind wieder zugänglich. Weitere Straßen werden im Zuge des von 32 asiatischen Staaten und den Vereinten Nationen seit 1992 wieder forcierten Asiatischen Fernstraßen-Projekts (Asian Highway Project) renoviert und ausgebaut.

Stationen und Wegbegleiter auf der langen Reise

Textilproduktion ist ein komplexer Prozess, der eine Vielzahl einzelner Arbeitsschritte erforderlich macht. Dazu gehören:

  • die Herstellung und Aufbereitung von textilen Rohstoffen
  • die Herstellung von Garnen bzw. die Spinnstoffaufarbeitung (Waschen, Kämmen, Bleichen)
  • die Herstellung textiler Flächen bzw. Spinnstoffverarbeitung (Spinnen, Weben, Wirken, Stricken)
  • die Textilveredelung (Färben, Bedrucken, Ausrüsten)
  • die Konfektionierung (Fertigung von Bekleidung, Heimtextilien und anderem mehr)

(vgl. Weidenhausen, Evelyn Merjem: Globalisierungsprozesse in der Textilwirtschaft insbesondere in der ökologisch ausgerichteten Branche. Dissertation, Geographisches Institut der Universität Stuttgart, 2010, 66)

War es die kostbare Seide aus China, die auf der Seidenstraße nach Europa gelangte, bestehen heute rund die Hälfte unserer Textilien aus Baumwolle. So auch das T-Shirt und die Jeans. (vgl. Stoff Fakten; PDF-Datei, 49) Bleiben wir daher bei diesem Beispiel.

Konkurrenzdruck und Umweltsünden bei der Baumwollproduktion

Rund 180 Millionen Menschen arbeiten in der Baumwollproduktion. Auf ungefähr drei Prozent der weltweiten Ackerflächen wird Baumwolle heute in mehr als 80 Ländern angebaut. Für viele dieser Länder ist die Baumwolle eines ihrer wichtigsten Exportgüter.Auf dem Weltmarkt konkurrieren Entwicklungsländer und Industrieländer um den attraktiven Baumwollmarkt, der durch starke Preisschwankungen gekennzeichnet ist. Verantwortlich dafür sind in jüngster Zeit vor allem Spekulationsgeschäfte auf Rohstoffpreise. Hinzu kommen Subventionsprogramme, wie beispielsweise in den USA, die den Wettbewerb verzerren.

Vor allem durch das Ausbringen großer Mengen von Pestiziden zur Schädlingsbekämpfung und den Einsatz giftiger Entlaubungsmittel bei der maschinellen Ernte ist die Umweltbelastung beim Baumwollanbau extrem hoch. Nicht nur Boden und Wasser sondern auch die im Produktionsprozess Beschäftigten werden massiv geschädigt.

Umweltbelastung bei der Verarbeitung

Nach der Ernte wird die Baumwolle gereinigt, gebleicht, versponnen und verwebt. Schädigten in den Anbaugebieten eingesetzte Gifte Mensch und Natur, kommen nun der Baumwollstoff und seine Produzenten bei der so genannten „Veredlung“ mit diversen Chemikalien in Berührung. Häufig werden die entstehenden Abwässer nur unzureichend geklärt. An vielen Produktionsstandorten belastet der Chemiecocktail daher die regionalen Gewässer.

Näherinnen in der Bozkurt Textilfabrik in Kahramanmaraş

Nähen für einen Hungerlohn

Der Baumwollstoff erreicht (mitunter bereits zugeschnitten) als Textilhalbfertigprodukt eine der zahllosen Fabriken, in denen daraus ein T-Shirt, eine Jeans oder ein anderes Kleidungsstück genäht wird. Das Nähen ist der arbeitsintensivste Abschnitt bei der Herstellung von Bekleidung. Deshalb verlagern Unternehmen diese Arbeit zumeist in Billiglohnländer wie China, Hongkong, Taiwan, Bangladesch und andere. Vor allem junge Frauen sitzen an den Nähmaschinen und arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen im Akkord – oft sieben Tage pro Woche. Der Lohn, den sie dafür erhalten, reicht kaum zum Überleben.

Fragwürdige Geschäfte mit Altkleidern

Drittweltländer auf dem afrikanischen Kontinent werden seit Ende der 80er Jahre mit gebrauchten Textilien aus entwickelten Industrieländern überschwemmt. Auf Basaren und Märkten feilgeboten, verdrängten die ausrangierten Kleidungsstücke traditionelle Textilien. Als Folge brach vielerorts die einheimische Textilindustrie zusammen. Einige Länder reagierten mit einem Einfuhrverbot.

Reisekostenabrechnung: Ausgewählte Zahlen und Fakten zur globalen Textilwirtschaft

Fast 20 Millionen Tonnen Baumwolle wurden im Jahr 2000 weltweit in der Bekleidungsindustrie verarbeitet. (Informationsbroschüre Umweltamt Bayern, 2002, 3) Bezogen auf den Weltweiten Export betrug der Anteil von Fertigwaren 1950 weniger als 27 Prozent. Nach Angaben der Welthandelsorganisation WTO (World Trade Organisation) stieg dieser Anteil bis zum Jahr 2007 auf knapp 70 Prozent. Nach Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) arbeiten 30 Millionen Menschen in Textil- und Bekleidungsfabriken. Die Mehrzahl von ihnen sind Frauen, die für Minimallöhne und oft ohne jegliche soziale Absicherung arbeiten.

Ein Vergleich von Lohnkosten in der Bekleidungsindustrie spricht für sich. Wird in Deutschland (West) ein Stundenlohn von 18,01 Euro gezahlt, erhalten Beschäftigte in Polen nur 2,09 Euro pro Stunde. In Bulgarien wird eine Arbeitsstunde mit 83 Cent entlohnt. Eine Näherin in Bangladesch arbeitet für 8 Cent pro Stunde. (Quelle: Südwesttextil, Wirtschafts- und Arbeitgeberverband der baden-württembergischen Textil- und Bekleidungsindustrie)

Wie das Statistische Bundesamt errechnete, stammen mehr als die Hälfte (knapp 55 Prozent) aller im Jahr 2008 nach Deutschland eingeführten Jeans aus asiatischen Billiglohnländern. Gaben Bundesbürger 1970 noch etwa zehn Prozent ihres Einkommens für Textilien aus, betragen die Ausgaben dafür heute nur noch gut die Hälfte.

Eine Beispielrechnung der Clean Clothes Campaign veranschaulicht, wie sich die Kosten eines T-Shirts auf die an der Produktion und Vermarktung Beteiligten verteilen. Gerade mal ein Prozent des Verkaufspreises für das Shirt entfallen demzufolge auf Lohnkosten für dessen Herstellung. Transport und Steuern schlagen mit 13 Prozent zu Buche. Weitere 13 Prozent sind Fabrikkosten. Fast doppelt so viel (25 Prozent) werden in Markenwerbung investiert. Rund die Hälfte des erzielten Preises – und damit der weitaus größte Anteil – entfallen auf Kosten und Gewinn des Einzelhandels. (Vgl.http://www.cleanclothes.org/)

Beim Verkauf von Textilien wächst der Marktanteil der Discounter seit Jahren stetig an. Nach Angaben der Marktforschungsgesellschaft GfK ist der Anteil der Discounter am Textilmarkt in Deutschland mittlerweile auf fast 25 Prozent angewachsen. (vgl. taz. die tageszeitung vom 27.11.2008)

Reisetagebuch – Globalisierung und ihre Folgen

Beim regen Reiseverkehr rund um die Textilwirtschaft, drängt sich das romantische Bild vom Zusammenwachsen der Welt zu einem globalen Dorf auf, das Befürworter der Globalisierung oft bemühen. Ist dieses Bild tatsächlich hilfreich? Wie sieht dieses Dorf derzeit aus? Wie geht es seinen Bewohnern? Wer ist verantwortlich, wenn in einer Textilfabrik am Dorfrand Arbeiterinnen verbrennen, weil sie sich wegen vergitterter Fenster und verschlossener Türen vor einem ausgebrochenen Feuer nicht retten konnten? Diese und andere Fragen geben Anlass, über die gesellschaftlichen Dimensionen der Globalisierung nachzudenken.

Die OECD definiert „Globalisierung als einen Prozess, durch den die Märkte und die Produktion in verschiedenen Ländern immer mehr voneinander abhängig werden, als Folge der Dynamik des Handels mit Gütern und Dienstleistungen und der Bewegung von Kapital und Technologie.“ (Weidenhausen, 88)

Einige Wissenschaftler vertreten die Ansicht, Globalisierung sei nicht erst eine Erscheinung des ausgehenden 20. Jahrhunderts, sondern vielmehr historisch gewachsen. Nach diesem wirtschaftshistorischen Ansatz verhinderte zunächst der Kolonialismus die eigenständige Entwicklung in bestimmten Regionen der Welt. Mit der Expansion der kapitalistischen Wirtschaft setzte sich dies fort.

Kulturtheoretiker verstehen Globalisierung als einen Prozess, der Veränderung von Kultur. Dabei geht es nicht allein und vor allem um ökonomische Zusammenhänge. Vielmehr bezieht sich diese Betrachtungsweise auf die gesamte Lebenswirklichkeit und rückt sämtliche Veränderungen der Gesellschaft in den Fokus. Gerade Kulturwissenschaftler konstatieren eine Vereinheitlichung der Lebensstile und des Konsumverhaltens im Zuge der Globalisierung. (vgl. Weidenhausen, 95)

Welches Image und welcher Look verkauft sich am besten?

Für Fragen zum Zusammenhang von Kleidung und Globalisierung ist dieser Ansatz natürlich spannend. Denn die Textilwirtschaft spinnt ihre Fäden rund um den Erdball und die entstehenden Produkte werden weltweit vermarktet. Werbestrategen arbeiten daran, Kleidungsstücken ein bestimmtes Image zu verpassen. Produkte wie eine Jeans oder ein Shirt werden mit einem erstrebenswerten Lebensgefühl verknüpft. Griffige Slogans und global ausgestrahlte Werbespots tragen dazu bei, Konsumenten auf der ganzen Welt einheitliche Wertvorstellungen und Meinungen zu vermitteln. Kleidung scheint dafür besonders geeignet. Als Alltagsprodukt, das wir tagtäglich nutzen, ist sie zugleich allgegenwärtig – sehen und gesehen werden. Deshalb wirken Kleidungsstile natürlich auf die Lebenskultur zurück.

Interaktion ist im Zeitalter der virtuellen Vernetzung der Welt nicht mehr an persönliche Begegnungen gebunden. Persönliche wie auch geschäftliche Informationen können unabhängig vom Standort in Echtzeit über Kontinente hinweg ausgetauscht werden. So wie der Konsument via Internet Produkte ordern und Verträge schließen kann, eröffnen die technischen Voraussetzungen natürlich auch Unternehmern unermessliche Chancen. Außerdem stellt die Informationsvernetzung einhergehend mit der Deregulierung der Kapitalmärkte eine weltweite Verfügbarkeit von Kapital sicher. Der Welthandel floriert, wobei eine ständige Zunahme des Exports von Fertigwaren zu beobachten ist, zu denen auch Textilien zählen.

Wissenschaftler sprechen von einer Neoliberalisierung in allen Bereichen der Gesellschaft. „Durch den Neoliberalismus werden wirtschaftliche und soziale Standards neu definiert, der Kapitalismus nimmt eine globale Dimension an, in der eine grenzenlose Wirtschaft die Märkte selbst regeln soll“. (Weidenhausen, 96) Am Beispiel der Textilwirtschaft zeigt sich, wie das funktioniert und welche Schatten die Globalisierung wirft.

Unternehmen der Textilwirtschaft nutzen die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in verschiedenen Ländern und Regionen für ihre Zwecke. Sie picken sich sozusagen die Rosinen aus dem Kuchen. Dazu gehören unter anderem die freien Exportzonen (FEZ), deren Zahl sich seit Ende der 90er Jahre vervierfacht hat. Unternehmen werden hier nicht nur mit Grundstücken samt Wasser- und Stromanschluss zum Nulltarif angelockt. Häufig sind sie zugleich von sämtlichen Steuern befreit und dürfen die Gewinne frei in ihr Heimatland transferieren. Der Internationale Währungsfond (IWF) hat diese Sonderzonen immer wieder als Chance für Entwicklungsländer angepriesen. Deren Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung dieser Regionen erfüllen sich jedoch nur bedingt. Die einzigen, die wirklich davon profitieren, sind die ausländischen Firmen.

Zwar entstehen neue Arbeitsplätze, doch stabile Wirtschaftsbeziehungen und längere Vertragsbindungen sind Schnee von gestern. Sind auf dem globalen Markt anderswo Arbeitskräfte noch billiger zu haben, geht der nächste Auftrag dorthin. Gerade in der Textilindustrie verlagern Unternehmen die arbeitsintensive Herstellung von Kleidung vorzugsweise in die Länder mit den niedrigsten Lohnkosten und geringen Sozialstandards. Es sind vor allem junge Frauen, die in engen Fabrikhallen für einen Hungerlohn T-Shirts und Jeans zusammennähen, die später in den Konsumtempeln des Westens oder im Internet feilgeboten werden.

Löhne, die kaum zum Überleben reichen und katastrophale Arbeitsbedingungen manifestieren die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierung. Zu den Verlierern gehören mehr und mehr auch Menschen in entwickelten Industrieländern. Auch hier gibt es zunehmend prekäre Arbeitsverhältnisse mit der Folge, dass der Lohn für eine Vollzeitbeschäftigung nicht ausreicht, eine Familie zu ernähren.

Im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung hat Ingeborg Wick die Auswirkungen des liberalisierten Weltmarktes für Textilien und Bekleidung untersucht und ihre Forschungsergebnisse im Rahmen einer Studie veröffentlicht. Darin weist Wick nach, wie viele Menschen weltweit unter den Effekten der Globalisierung leiden. Sie ist überzeugt, dass „einen direkten Zusammenhang zwischen dem Reichtum Einiger und der Armut vieler Menschen vor allem in Entwicklungsländern gibt“. (Wick, Ingeborg: Soziale Folgen des liberalisierten Weltmarkts für Textil und Bekleidung: Strategien von Gewerkschaften und Frauenorganisationen. Eine Studie im Auftrag der Otto Brenner Stiftung, OBS Arbeitsheft 62, Frankfurt/Main, 2009, 2) Hauptprofiteure dieser Entwicklung sind ihrer Meinung nach vor allem multinationale Unternehmen. Sie nutzen ihre ökonomische Macht, prägen den Arbeitsalltag ihrer Beschäftigten an den unterschiedlichen Standorten ihrer globalen Produktions- und Lieferketten und spielen so die Arbeitenden in unterschiedlichen Regionen gegeneinander aus.

Wick kommt zu dem Schluss: „Die Öffnung nationaler Märkte und Produktionsverlagerungen der Textil- und Bekleidungsindustrie erlaubte es zahlreichen multinationalen Importunternehmen, ihre Marktanteile um den Preis der Verdrängung von Konkurrenten und eines sozialen Wettlaufs nach unten zu vergrößern. In der Exportorientierung dieser Industrie vernachlässigten die meisten Entwicklungsländer ihre eigenen Märkte, die im Unterschied zur Überproduktion und Übersättigung in den Hauptkonsumregionen USA, EU und Japan unterversorgt blieben. Der Liberalisierungsschub … und der krisenbedingte Rückgang von Industrie und Handel werden zu einer Zuspitzung dieser Konflikte führen“. (Wick, 5)

 

Vor allem zu Weihnachten nimmt der Konsum von Textilien wieder deutlich zu.

 

Initiativen gegen die Auswüchse der Globalisierung in der Textilwirtschaft

Die rege Reisetätigkeit von der Baumwollproduktion bis hin zum T-Shirt für 4,95 Euro oder zur Jeans für 9,95 Euro in der Filiale einer Handelskette und von dort in den Kleiderschrank eines Verbrauchers in Europa illustriert anschaulich, welche Auswirkungen die Globalisierung auf die Bekleidungs- und Textilproduktion hat. Die gravierenden Folgen der Globalisierung werden seit langem kontrovers diskutiert. In der Textilbranche zeigen sie sich in aller Deutlichkeit. Gefragt ist hier die soziale Verantwortung von Unternehmen ebenso wie eine notwendige politische Ausgestaltung des Globalisierungsprozesses. Nicht zuletzt können Verbraucher in entwickelten Industrieländern dafür sensibilisiert werden, dass sie mitverantwortlich sind für Missstände in Entwicklungsländern, die auch auf sie selbst zurückwirken. Letztlich besitzen sie als Konsumenten eine nicht zu unterschätzende Macht auf dem globalen Markt und können durch ihr Kaufverhalten einen kleinen Beitrag auf dem Weg zu einer gerechteren Welt leisten.

Initiativen für menschenwürdige Arbeit

Wick plädiert für den Zusammenschluss neuer sozialer Allianzen, zu denen internationale Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, soziale Bewegungen, Frauenorganisationen und andere mehr gehören. Nur auf diesem Wege lassen sich ihrer Meinung nach die strukturellen Rahmenbedingungen unseres Wirtschaftssystems verändern. Einige solcher Allianzen existieren bereits. Der Präsident der Internationalen Textil-, Bekleidungs- und Lederarbeiter-Vereinigung (ITBLAV) Manfred Schallmeyer erklärt dazu: „In Allianzen mit zahlreichen Nichtregierungsorganisationen hat die ITBLAV als Vertreterin von 220 Gewerkschaften in 110 Ländern dieser Welt erfolgreich zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen ihrer 10 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gearbeitet. Menschenwürdige Arbeit mit Löhnen, die zum Leben reichen, waren und bleiben die zentrale Forderungen der internationalen Gewerkschaftsbewegung“. (Wick, 2)

Im Zusammenwirken mit Gewerkschaften beschloss die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) bereits Ende der 90er Jahre Kernarbeitsnormen, die grundsätzliche Prinzipien und Regeln bei der Arbeit festschreiben. Die Organisation für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat auf dieser Basis Grundprinzipien und Leitsätze für multinationale Unternehmen erarbeitet, einschließlich des Konzepts der Corporate Social Responsibility (CSR), der sozialen Verantwortung von Unternehmen. Insgesamt 51 internationale Organisationen – darunter Menschenrechtsverbände, entwicklungspolitische Organisationen, Gewerkschaften sowie Umwelt- und Verbraucherverbände – haben sich zum CorA-Netzwerk zusammengeschlossen. Engagiert tritt das Netzwerk für eine Unternehmensverantwortung ein, die sich am Gemeinwohl orientiert. Ihre Forderungen reichen von einer gerechten Unternehmensbesteuerung über Rechenschafts- und Publikationspflichten für Unternehmen bis hin zu eindeutigen Haftungsregeln. In internationalen Wirtschaftsabkommen wie auch bei der Wirtschaftsförderung sollten die Pflichten der Unternehmer klar definiert werden. Öffentlicher Aufträge sollten nur an Firmen vergeben werden, die diese Mindeststandards einhalten.

In Sachen Textilwirtschaft mischt sich die Kampagne für saubere Kleidung (Clean Clothes Campaign) seit mehr als 20 Jahren aktiv in die Diskussion ein. 1990 in den Niederlanden gegründet, existiert sie als Netzwerk unabhängiger nationaler Plattformen in 12 europäischen Ländern. Vertreter der Kampagne untersuchen und dokumentieren die Ausbeutung von Textilarbeitern, verhandeln mit Unternehmensvertretern und unterstützen Arbeitnehmerorganisationen in den betroffenen Ländern. Ziel der Kampagne ist es, die Arbeitsbedingungen in der globalen Bekleidungs- und Sportartikelindustrie zu verbessern.

Eine von der Kampagne vorgelegte Studie analysiert minutiös die Arbeitsbedingungen in ausgewählten Textilbetrieben, dokumentiert Arbeitsrechtsverletzungen und schildert, welche Auswirkungen die Einkaufspraktiken der Discounter auf die Arbeitsverhältnisse haben. Missstände in der globalen Bekleidungsindustrie werden öffentlich gemacht und Auswege aufgezeigt. Damit appelliert die Kampagne an die Verantwortung von Unternehmern aber auch von Politikern und Verbrauchern.

Basierend auf den von der Internationalen Arbeitsorganisation erarbeiteten Kernarbeitsnormen entwickelte die Clean Clothes Campaign gemeinsam mit internationalen Gewerkschaften einen Arbeitsverhaltenskodex für die Bekleidungsindustrie.

Ein Beispiel dafür, dass auf Unternehmerseite ein Umdenken einsetzt, ist die Behandlung von Jeans mit Sandstrahlen, um ihnen einen lässigen Gebraucht-Look zu verpassen. Viele Arbeiter, die mit der Sandstrahltechnik arbeiten, erkranken an der unheilbaren Lungenkrankheit Silikose und sterben qualvoll. Seit Herbst 2010 prangert die Kampagne diese menschenverachtende Produktionsweise massiv an und ermuntert Verbraucher zum Protest bei Jeansproduzenten. Auf Druck der Konsumenten in Form von tausenden E-Mails sahen sich zumindest einige Markenfirmen seitdem gezwungen, das Sandstrahlen ihrer Jeans zu verbieten. (Kampagne für saubere Kleidung: Rundbrief 2/3-2010)

Nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Medienberichte sehen sich Markenfirmen aber auch mehr und mehr Handelsketten und Discounter in der Kritik. Um Imageschaden abzuwenden, versuchen sie über Qualitätssiegel und Zertifikate nachzuweisen, dass ihre Produkte umweltschonend und unter menschlichen Arbeitsbedingungen hergestellt werden.

Zertifizierte Kleidung

Ein solches Zertifikat bietet die Fair Wear Foundation (FWF). Gegründet 1999 im Verbund von Branchenverbänden der Textilwirtschaft, Gewerkschaften und Nicht-Regierungsorganisationen (darunter die Clean-Clothes Campaign) engagiert sich auch die FWF für bessere Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie. Unternehmen, die der FWF beitreten, akzeptieren damit ein internes und externes Monitoring ihrer Lieferanten auf Einhaltung der im Arbeitsverhaltenskodex der Fair Wear Foundation festgelegten Normen. Basierend auf der Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen und international ratifizierten Vereinbarungen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) gehören zu diesem „Code of Labour Practice“ der FWF beispielsweise das Verbot von Kinderarbeit, rechtlich verbindliche Arbeitsverträge, sichere und gesunde Arbeitsbedingungen und das Recht auf einen existenzsichernden Lohn. Zwangsarbeit und Diskriminierung am Arbeitsplatz sind ebenso tabu wie überlange Arbeitszeiten. Als unabhängige Instanz überprüft die Organisation, ob die Produktionsfirmen ihrer Mitglieder diese internationalen Standards für sozial gerechte Arbeit einhalten.

Verantwortung des Konsumenten

Zahlen bestätigen, was wir eingangs nur vermutet haben: Die wenigsten Verbraucher machen sich Gedanken über den Preis ihrer Kleidung, und wie er zustande kommt. Eine Umfrage des Branchenblattes „Textilwirtschaft“ ergab, dass gerade einmal fünf Prozent der Verbraucher darauf achten, unter welchen Bedingungen die Bekleidung hergestellt wird, die sie kaufen. Die Mehrzahl der Befragten (70 Prozent) ist der Meinung, dafür seien allein die Textilproduzenten und Händler verantwortlich. Wie das Beispiel des Verbots der Sandstrahltechnik bei der Herstellung von Markenjeans zeigt, dass die Macht der Verbraucher größer ist, als viele von ihnen vermuten.

Quellenverzeichnis / Literatur:

Rivoli, Pietra: Reisebericht eines T-Shirts: Ein Alltagsprodukt erklärt die Weltwirtschaft. Econ-Verlag, Düsseldorf und Wien, 2006
Gerster, Richard: Globalisierung und Gerechtigkeit. hep-Verlag, Bern, 2001
Weidenhausen, Evelyn Merjem: Globalisierungsprozesse in der Textilwirtschaft insbesondere in der ökologisch ausgerichteten Branche. Dissertation, Geographisches Institut der Universität Stuttgart, 2010
Informationsbroschüre Umweltamt Bayern, 2002
Wick, Ingeborg: Soziale Folgen des liberalisierten Weltmarkts für Textil und Bekleidung: Strategien von Gewerkschaften und Frauenorganisationen. Eine Studie im Auftrag der Otto Brenner Stiftung, OBS Arbeitsheft 62, Frankfurt/Main, 2009
Kampagne für saubere Kleidung: Rundbrief 2/3-2010
taz. die tageszeitung vom 27.11.2008

Verweise (zuletzt abgerufen am: 15.12.2011)

ITGLWF
OECD
Südwesttextil, Wirtschafts- und Arbeitgeberverband der baden-württembergischen Textil- und Bekleidungsindustrie
Stoff Fakten; PDF-Datei
Clean Clothes Campaign
Asian Highway Project / Informationsseite der UNESCAP

Den Essay haben wir auf Indymedia.org gefunden. Hier geht es zum Creative Commons lizenzierten Original: Klick