Achtung böse: Schonungslos und definitiv subjektiv berichtet Anne Wenkel von der Fashion Week 2012 – von schönen Menschen, unaussprechlichen Labels und über Mode, die mehr sein will als bloßer Stoff. Gemeinsam mit Assistent Alf-Tobias Zahn urteilt sie über öko-faires Sein und grün-schimmernden Schein und stellt die Frage des Tages.

Berlin, was würdest du nur ohne die Menschen machen, die Altes auftragen und meinen, sie seien … ja was eigentlich? Ohne diese Frage über Hipsterism und Vintage-Wahnsinn näher zu erörtern, stürzt sich Anne in das Getümmel im C-Club und sucht nach den schönsten Vintage-Verbrechen in acryl & kariert auf der Toast & Jam Vintage Fashion Fair.

Die geneigten Flohmarktbesucher fühlten sich sofort heimisch: Sieht ja alles aus wie im Mauerpark an einem Sonntagvormittag! Bevor die Gedanken sich überschlagen, was ein schnöder Flohmarkt mit den hochtrabenden Attributen von Fashion gemein haben könnte,  findet Anne mit schneller werdendem Puls und dennoch ruhiger Hand  in dem angebotenen Retro-Sammelsurium einige Schmuckstücke, die hervorstachen.

Raffinierte Sachen aus altem Vintage-Kram

Soy Lilú de Pomeriana macht tolle Schmuckstücke aus alten Broschen. Hauptmotiv bei den Broschen ist ein an Emily the Strange angelehntes Mädchengesicht. Neben Neuem aus Altem werden auch alte Taschenuhren und Metallbüchsen aufbereitet und künstlerisch verziert.

Raffinierte Sachen aus altem Vintage-Kram gibt es auch bei den Kreativen von SCHUHTUTEHEMD. Mehr möchte Anne in diesem Zusammenhang nicht sagen – seht einfach selbst! Wer etwas dezenter auftreten möchte – und wer will das während der Fashion Week nicht (!) – wurde bei Common Vintage fündig. Mit etwas Glück hat man unter den Tauschobjekten auch einmal ein Schmankerl von Berliner Jungdesigner gefunden. Anne ließ den Anderen – charmant wie immer – den Vorzug.

Das Scotch-Soda-Daunen-Lack-Ding und die Philosophie des „R“

Nach dem harmlosen Warm-Up ist Anne bereit, die erste höhere Hürde an diesem Tag zu meistern: Angestachelt von italienischen Sprachfetzen machte sie sich auf zur Bread & Butter – und fragte sich wenige Minuten später und noch vor den Toren, wer eigentlich zu dieser Messe wirklich geht, außer italienischen Touristen in Lack-Daunen-Pelzkragen-Jacken und zerrupften Designer Jeans.

Was müssen meine Augen sehen? Scotch-Soda-Daunen-Lack-Ding, Louis-Vuitton-Umhängetäschlein (Mann und Frau gleichermaßen), alberne Fetzen-Jeans, Timberland-Boots, schwarze Gucci Sonnenbrillen, Strähnchen im Haar und Solarium-Teint – so fern eine natürliche Bräune nicht vorhanden ist.

Ernüchterung setzt ein: Das soll Teil dieser Sagen umwobenen und tollen Fashion Week sein? Anne flüchtet gen U-Bahn und erlebt dabei ihr persönliches Highlight des Tages: Am U-Bahnhof „Luftbrücke“ wirbt BRIGHT mit lustigen Leuten in Buchstabenkostümen.

Wie das „R“ neben mir U-Bahn gefahren ist und dabei über die neuesten Entwicklungen der Bundesliga philosophierte … das hat mir den Tag gerettet

Embrace … was bitte!?!

Trotz der betrübten Aussichten (Wo ist jetzt die Haute Couture? Wo ist die ganze „grüne Bande“ an Modeschöpfern?) entgeht dem geschulten Auge der Großstädterin nicht der nächste blanke Unsinn: Cotton USA wirbt auf den Berliner Taxen doch tatsächlich mit dem Slogan „Embrace Nature – Wear Cotton„! Dit meinen die ja wohl nicht ernst? Umarme die Erde so lange, bis kein Wasser mehr drin da ist und alles zu Staub zerfällt, oder wat?

„Vielleicht ist die vollkommene Nacktheit doch unsere einzige Chance?“, raunte Assistent Alf leise in sein Notizbuch, während er tief über den Schreibtisch und unter einer Leselampe gebeugt die Hieroglyphen seiner zeternden Chef-Reporterin entzifferte. Vielleicht hilft aber auch schon die richtige Mischung an Fasern für unsere Textilien.

Frage des Tages

Wenn schon ein Flohmarkt unter dem Dach der Fashion Week firmiert, welchen modischen Wert hat dann so eine Veranstaltung mit samt den geräuschvollen Nebenschauplätzen eigentlich?

 

 

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