Auch im Vortrag über „Grüne Mode“ während des FashionBloggerCafés tauchte die Frage wieder auf: Was steckt hinter Begriffen wie „nachhaltige Baumwolle“? In seinem Gastbeitrag „Die Zukunft der Baumwolle“ erläutert Raphael Breyer von den 3 Freunden die Begrifflichkeit und stellt eine praktikable Alternative zu den gängigen Zertifikaten vor, die die 3 Freunde selbst ausprobiert haben und aktuell anwenden.

Von Raphael Breyer (3freunde)

Für viele Menschen gibt es einen Zusammenhang zwischen Strom und Bekleidung. Zumindest im Wissen über deren Herkunft. Strom kommt aus der Steckdose und Bekleidung aus dem Klamottenladen. Was davor geschieht und wie komplex sowohl Stromproduktion, als auch Bekleidungsherstellung ist, bleib für die meisten im Dunkeln.

Doch bei beidem ändert sich derzeit etwas. Die Menschen sind mehr und mehr an der Herkunft der Dinge interessiert. Die Zeit ist reif den Menschen mehr Informationen zu bieten. Jedoch ist das Zeitbudget der Menschen weiterhin beschränkt und die Informationen müssen schnell auf den Punkt gebracht werden.

Was ist gut? Was ist schlecht? Was soll und kann ich tun? Was kostet es?

„Nachhaltige Baumwolle“?

Zur Reduktion der Komplexität im Bereich der Baumwolle lancieren drei Initiativen mit unterschiedlichem Hintergrund die Kampagne „Initiativen für nachhaltige Baumwolle“:

Kurz gesagt: Die drei Projektpartner vertreten die Felder „aus Afrika“, „bio“ und „fair“.

Ist einer der Bereiche abgedeckt, so ist die Baumwolle den Initiativen folgend „nachhaltige Baumwolle“. Ob ein einzelnes Merkmal für ein „nachhaltiges“ Produkt ausreicht, muss schlussendlich der Konsument entscheiden. Sicher führt eine solche Klassifikation zur Vereinfachung für 98% der Konsumenten, die sich derzeit überhaupt keine Gedanken über die Herkunft ihrer Bekleidung machen. Baumwolle aus jeder der Initiativen ist sicher besser als konventionelle Baumwolle.

Jedoch kann auch diese „nachhaltige Baumwolle“ aus gentechnisch veränderten Baumwollpflanzen stammen, um die halbe Welt geschippert oder unter großem Wasser- und Energieaufwand produziert worden sein. Und dann wurde noch nicht einmal über „faire“ Preise für die Baumwollbauern gesprochen. „Gute Baumwolle“ ist sie also noch lange nicht.

Zu einfach gemacht?

Das sich auch Fachleute mit der Komplexität schwer tun, zeigte sich bei der Kick-off Veranstaltung der Initiativen am Rande der Ethical Fashion Show. Im Anschluss an die Präsentation der „Initiativen für nachhaltige Baumwolle“ erzählte Martyn Bowen, General Manager von Puma Austria, von deren Kampagne der Puma Wilderness Linie. Er schwärmte von der Nachhaltigkeit der Bekleidung, der Fairtrade-zertifizierten Baumwolle und der Dankbarkeit der Produktionsmitarbeiter in Kenia. Und er stellte sich den Fragen des Fachpublikums.

Eine kam von Lars Wittenbrink, dem Chefredakteur von gruenemode.de. Lars sprach von der fehlenden Tiefe beim Ansatz von „Cotton made in Africa“ und fragte Bowen, warum sie dann nicht gleich Biobaumwolle benutzen würden. Das würden sie tun, erwiderte Bowen, die Baumwolle käme von „Cotton made in Africa“!  – Raunen, Kopfschütteln und Gelächter. –   Da hatte sich Bowen in der Siegelfalle verlaufen. Die Baumwolle von „Cotton made in Africa“ ist in keinster Weise Biobaumwolle.

Ein solcher faux pas ist peinlich, zeigt aber die Gefahr dieses Ansatzes für Menschen, die sich zwangsläufig meist nur kurzfristig mit der Baumwollproblematik beschäftigen. Durch die Verkürzung der Problemstellung auf „nachhaltige Baumwolle“ kann die Komplexität des Problems nicht mehr transportiert werden.

Zu hoch gegriffen?

Bei 3 Freunde gehen wir einfach den anderen Weg: Wir verarbeiten ausschließlich Stoff aus zertifizierter Fairtrade-BIObaumwolle (Mindestpreise für Bauern, gentechnikfrei, geringer Impact auf Natur durch Vermeidung von Pestiziden) und bezahlen faire Löhne weit über den gesetzlichen Mindestlöhnen in der Näherei. Wir achten auf kurze Wege und halten direkten Kontakt zu den Akteuren. Das macht alles ein wenig teurer, aber dafür wissen wir woher unsere Ware kommt- und unter welchen Bedingungen sie produziert wurde.

Was meint ihr ist die langfristig gute Lösung: Wie die „Initiativen für nachhaltige Baumwolle“ in den Massenmarkt streben und die „bessere“ Baumwolle (Bio oder Fair oder aus Afrika) verwenden? Oder wie es der Ansatz der 3 Freunde ist, „gute“ Baumwolle mit den Eigenschaften „bio“ und „fair“ und aus langfristigen Lieferbeziehungen anzubieten?

Weitere Informationen

Weitere Informationen zum Thema Baumwolle und Fasern findet ihr auch in der Dokumentation „100 Prozent Baumwolle – Made in India“, unserem Artikel „Baumwolle – Ohne Zusätze uninteressant“ sowie bei unserer Kollegin Marina bei „Beyond Fashion“ über die neue Faser „Lyocell“.

Nachtrag (23. August 2012): Außerdem erschien am 16. August ein lesenswertes Interview von Sophia Opperskalski vom Netzwerk Faire Mode mit Alexandra Perschau von Future for Cotton über die Kampagne „Initiativen für nachhaltige Baumwolle (INBW)„.

Wer sind die 3 Freunde?

Raphael Breyer ist einer der 3 Freunde. Bei den 3 Freunden können fair produzierte und klimaneutrale Shirts aus Biobaumwolle mit ausgewählten Designs oder Ihrem individuellen Druck, dem farblich und gestalterisch keine Grenzen gesetzt sind, gefunden werden. Nach dem Start 2006 hatten die 3 Freunde 2007 das erste klimaneutral produzierte T-Shirt im Programm – noch vor den großen Mitspielern. Seit 2008 sind die Shirts aus Biobaumwolle. Und nach intensiver Bearbeitung der Warenkette (vom Baumwollanbau über das Garnspinnen, dem Färben und dem eigentlichen Nähen) sind die Shirts seit 2009 auch aus zertifizierter FAIRTRADE-Baumwolle.