Von Alexandra Zhovtenko

Dass T-Shirts nicht langweilig sein müssen, davon versuchen uns sämtliche Labels nach Kräften zu überzeugen. Da wird appliziert, illustriert, bedruckt und geschnitten, was das Zeug hält, und trotzdem bleiben die meisten Exemplare dann doch nur simple Kurzarm-Leibchen. Auf die Tatsache, dass man auch das Essenzielste eines Shirts verändern kann, nämlich die Nähte, welche die Stoffbahnen zusammenhalten, kam vor The T/Shirt Issue, meines Wissens nach, noch keiner.

The T/Shirt Issue, das sind Hande Beguem Akcayli, Murat Kocyigit, Linda Kostowski, Rozi Rexhepi und Severin Schwanck, die das Label 2011 gründeten. Mit Hilfe einer 3D-Modellierungssoftware versucht das Berliner Designkollektiv nun die klassische Schnittführung zu revolutionieren und aus einem schnöden Four Piece ein geometrisches Kunstwerk zu erschaffen. Auf diese Weise können die Schnitte sowohl digital entworfen als auch jederzeit neu kombiniert und zusammengefügt werden, und sind somit personalisierbar.

Damit gestalten die fünf Basics, die keine Schulter- und Seitennähte mehr brauchen, stattdessen aber aus spannenden geometrischen Formen bestehen, ohne dabei die typische Passform oder den Tragekomfort zu verlieren.

Für ihre T-Shirt-Kollektion ’1/10 Edition’designten sie 10 weiße Unisex-Modelle aus hochwertigem Baumwoll-Stoff, die sich alle durch assymetrisch ungleich verlaufende Nähte unterscheiden. Die Baumwolle stammt aus der Türkei und wird dort in biologisch einwandfreien Bedingungen angepflanzt, der Zulieferer für Gewebe (Jutegewebe und Synthetisches Gewebe) Tessport sitzt in Italien. In Kollaboration mit dem Berliner/Londoner Musiklabel somethinksounds wurde nach dem gleichen Prinzip außerdem ein Sweatshirt entworfen, das mit dem Namen ‘Elephant Island’ einen Tribut an die Crew der Trans-Antarktischen Expedition Anfang des 20. Jahrhunderts zollt, die auf der gleichnamigen Insel gestrandet ist.

Limitiert auf 28 Stück, so viele Seeleute waren es nämlich damals, wird der Sweater zusammen mit dem, vor kurzem erschienenen und gleichbetitelten, Album des Musikers Lucky Paul geliefert. Erstehen könnt ihr die T-Shirts für jeweils rund 90 Euro sowie das Sweatshirt für je rund 160 Euro im hauseigenen Online Shop.

Doch weil simple Basics den Berliner Polygon-Liebhabern noch zu wenig sind und die Geometrie scheinbar endlos viele Möglichkeiten bietet, arbeiten die Designer auch an ausgesprochen kunstvollen Teilen. Bisher konnten sie in zwei Projekten die Extreme der Stoffe aufzeigen und ihrem Ziel noch etwas näher kommen. „Our ultimate mission is to lift the hurdle between possible and impossible and redefine the aesthetics of all things jersey“, heißt es auf der Homepage.

So wurden bei einem Projekt digitale Portraits von drei Personen gemacht, die in Verbindung mit ihren Erinnerungen und dank der 3D-Technologie in außergewöhnlichen Pullovern resultiert sind. Ob als Wunsch ein Wolfsjunge zu sein, aus dem Gefühl heraus, dass Schwimmflügel besondere Kräfte verleihen oder ganz einfach als Hommage an die geliebte Nähmaschine.

Inspiriert von der Fotografie Eadweard Muybridges, dreht sich das letzte kreative Non Basics-Projekt ‘Muybridge‘ ganz um das Thema Bewegung. Dieser fing im 19. Jahrhundert als einer der ersten die tierische und menschliche Fortbewegung in Serienaufnahmen ein und begründete damit, neben anderen Pionieren, die Hochgeschwindigkeitsfotografie. Davon fasziniert, entwickelte The T/Shirt Issue Shirts, deren Form einer Flügelbewegung gleicht, und faszinieren damit uns.

Diese beiden Projekte können zwar nicht gekauft werden, allerdings können sich die ganz kreativen unter uns an den bereitgestellten Schnittmustern versuchen. Und wir überlegen derweil, welche spannenden Gedanken dem fünfköpfigen Designkollektiv als nächstes in den Sinn kommen.

Alexandra Zhovtenko wurde in der Ukraine geboren und wohnt seit 2011 in Deutschland. Zurzeit studiert sie Angewandte Medienwissenschaft an der Technischen Universität Ilmenau irgendwo in Thüringen, versucht sich dort in der PR, Medienproduktion und im Eventmanagement und kämpft hartnäckig gegen technische Fächer. Und weil das kleine Städtchen Ilmenau nicht immer genug Abwechslung bietet, flüchtet sie sich oft in die glamouröse und spannende Fashionwelt. Bisher auf ihrem eigenen Blog Flames & Desires und als Monthly Contributor bei FIER Management – und eben auch auf Kalinka.Kalinka.

Fotos: The T/Shirt Issue
Dieser Artikel erschien am 11. April in einer ersten Fassung in unserem befreundeten Blogazine Kalinka.Kalinka.