Wie könnte die Zukunft der Modeindustrie aussehen? Diese Frage stellte das Beyond Fashion Summit Mitte November in Berlin. Nach der Premiere 2011 realisierten Frans Prins und Fredericke Winkler von Beyond Berlin die zweitägige Konferenz Mitte November diesmal zum Thema “Hypernature”. Mit viel Engagement, einer guten Atmosphäre und vor allem interessanten Themen haben die beiden Organisatoren bereits zum zweiten Mal bewiesen, dass öko-faire – oder auch grüne – Mode eminent wichtig für die Zukunft der Textilindustrie ist.

Panel mit Mark Starmans, Sofia Minney, Frans Prins sowie Caroline Drucker und Norbert Henzel | Beyond Fashion Summit | Fotocredit: SEBASTIAN-MARGGRAF

Der erste Tag, geprägt von Vorträgen und einem abschließenden Panel, wurde mit einem philosophischen Ansatz begonnen. Besonders gut wurde dabei vermittelt, warum wir – also die, die am Summit teilnahmen sowie die, die sich im Bereich öko-fairer Mode engagieren – eigentlich das alles machen und was uns dabei antreibt. Warwick Fox hat vor allem über Werte und über Ethik im Sinne von Handlungen, die eine Auswirkung auf andere haben, referiert. Spannend und inspirierend.

Design, Sourcing, Processing

Der Rest des Tages lief dann unter verschiedenen Überschriften: Design, Sourcing und Processing. Unter dem Motto Design fand ich den Beitrag über Peopletree besonders interessant, vor allem einen Aspekt, der sich eben stark auf das Design und die Qualität sowie auf das Marketing bezieht. Safia Minney sagte: „If the product is not great, you are not gonna sell it!“ Zudem kauften nur ein Fünftel ode rein Viertel der Kunden öko-fair, weil das Textil auch öko-fair ist. Der Rest, weil die Marke ein gutes Image hat, weil die Qualität und der Preis stimmen und weil der Stil gefällt. Nur an das gute Gewissen zu appellieren erreicht also nicht so sonderlich viele Leute.

If the product is not great, you are not gonna sell it!

Zu dem Punkt Sourcing fand ich den Vortrag über Tobacco Fibre spannend. Scheinbar fällt relativ viel Abfall aus nicht verwendeten Teilen der Tabakpflanze an. Suzanne De Vall von Ploughboy Organics hat damit experimentiert und festgestellt, dass sich daraus Fasern herstellen lassen, die sich zu Textilien verarbeiten lassen.

Bei den Vorträgen im Bereich Processing ist mir vor allem ein Satz im Gedächtnis geblieben: „If you wait for the consumer, changes will take long. You need to go for the cooperation with the „big fish““,  so Tom van Soest  von ishopshape. Er meinte weiter, dass die zeitliche Problematik im Prozess selbst liegt, dass dort aber auch die Lösung zu finden ist.

If you wait for the consumer, changes will take long. You need to go for the cooperation with the „big fish“

Zwischen Symbolismus, Populismus und konkreten Zukunftsszenarien

Der zweite Tag war geprägt von Workshops. Am Vormittag wählte ich „Recycling the new organic?“ von und mit Norbert Henzel  von dem Institut für Materielle Kultur an der Uni Oldenburg aus. Dort wurden uns eine Vielzahl von „re“s vorgestellt: Recycling, recovery, redesign, reuse – alles Techniken, die sich im Lebenszyklus eines Textiles wiederfinden. Zu jedem „Re-“ wurde ein konkretes Beispiel vorgestellt, unter anderem das „Second Hand“-Projekt von H&M, die in der Schweiz ein modellhaftes Rückgabesystem für alte Klamotten eingeführt haben und die zurückgegebenen Textilien – laut Konzernangaben – wiederverarbeiten. Dieses Modell soll in Deutschland ebenfalls flächendeckend eingeführt werden. So problembehaftet dieses Projekt ist, so kontrovers wurde auch diskutiert.

Speaker Anina Net of 360 Fashion Network | Beyond Fashion Summit | Fotocredit: SEBASTIAN-MARGGRAF

Der zweite Workshop, an dem ich teilnahm, drehte sich um die Zukunft der Baumwolle. In „Cotton Futures: what will the cotton industry look like in 2025?” von Alexandra Perschau wurden vier Zukunftsszenarien vorgestellt, die sich mit nachhaltgier Baumwollindustrie beschäftigten. Sehr eindrücklich und einleuchtend fand ich den Kommentar der Referentin, dass Baumwolle auch im Zuge aller Fabric Innovations eigentlich weiter mitgedacht werden muss, da wir ja nun mal all die vielen hundertausende Baumwollbäuerinnen und -bauern haben, für die es eine Zukunft geben muss. Innovation unter diesem Aspekt zu sehen, war einfach äußerst interessant – auch wenn das in anderen Bereiche, wie zum Beispiel der Atomindustrie, wieder als ein schwaches Argument erscheint, da wir da ja auch jede Menge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer haben, die von einem Ausstieg ganz persönlich betroffen wären. Lesenswert ist der Bericht von Alexandra Perschau, der unter www.sustainable-cotton.de zu finden ist.

Auditorium | Beyond Fashion Summit 2012 || Fotocredit: Beyond Berlin

Neue Ideen, viele Informationen und richtige Fragen

Ich hätte noch gerne weitere Vorträge und Workshops verfolgt, doch um ehrlich zu sein: Meine Aufnahmefähigkeit war auf Grund des straffen Programms und der anspruchsvollen Themen einfach schon erschöpft. Vielleicht könnte für die nächste Ausgabe eine Mischung aus beiden Tagen, eine Mischung aus Vortrag und Workshop, aus mehrheitlich passiver und mehrheitlich aktiver Rolle, gefunden werden. Oder wir finden alle noch mehr Zeit, um diese wichtige Veranstaltung noch mehr Wertschätzung und Aufmerksamkeit zu schenken.

Neben all diesen Aspekten war es aus meiner Sicht fragwürdig, dass der größte Sponsor der Veranstaltung eine Tabakfirma war. Klar, eine öko-faire Variante – aber so sehr wir bei grüner Mode auch gesundheitliche Aspekte anführen (keine Chemie in der Kleidung und damit auf der Haut), so sehr sollte dies auch bei Sponsoren gehandhabt werden.

Wie gestalten wir eine nachhaltige Zukunft wirklich nachhaltig und welche Instrumente benötigen wir dafür?

Den eigenen co²-Ausdruck habe ich durch die Anreise mit dem Fahrrad sehr niedrig halten. Manchen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die aus weiter Ferne, wie etwa den USA, anreisten, war dies natürlich nicht möglich. Dieser Problematik werden wir uns, ob nun bei den Vereinten Nationen im Großen oder bei diesem Summit im Kleinen, immer wieder stellen müssen: Wie gestalten wir eine nachhaltige Zukunft wirklich nachhaltig und welche Instrumente benötigen wir dafür? Wie weit können wir theoretisch und praktisch für eine „grüne Zukunft“ gehen und uns selbst treu bleiben?

Zwei spannende Fragen, deren Antworten wir vielleicht auf dem nächsten Beyond Fashion Summit 2013 in großer Runde stellen können. Ich werde sehr gerne wieder mit dabei sein und beobachten, was uns in den 12 Monaten alles eingefallen ist.

Text: Nastja Nefjodov mit Alf-Tobias Zahn
Fotos: Sebastian Marggraf (Panel sowie Anina von 360 Fashion Network) und Beyond Berlin (Publikum)