Viele interessante Diskussionen und Ansätze gab es Ende April in der FES mitzudenken. Wer’s verpasst hat, kann sich beim Podcast zumindest einen kleinen Impuls (nach)holen:
http://www.fes.de/gerechtigkeitswoche/audio/FES_Podcast_GW_2015_9min40.mp3
Für den Designmob besonders interessant: Die Podiumsdiskussion zu „Zwei Jahre nach Rana Plaza – globaler Textilhandel auf dem Prüfstand“.
Der Designmob war vor Ort und ganz gespannt darauf, ein Update über die Schritte zu bekommen, die die Textilindustrie und das Land Bangladesch nach der tragischen Katastrophe eingleitet haben…oder wieviel ist eigentlich seit dem passiert?

Ute Clausner aus unserem Team war vor Ort und berichtet:
Dabei waren Rolf Heidemann (Leiter und Gründungsdirektor, hessnatur Stiftung), Susanne Hoffmann (Abteilungsleiterin für europäische und internationale Beschäftigungs- und Sozialpolitik, Bundesministerium für Arbeit und Soziales), Henrik Maihack (Friedrich-Ebert-Stiftung, Bangladesch), Juliane Schröder (Referentin für internationale Kooperationen, Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie e.V.), Uwe Wötzel (Gewerkschaftssekretär im Bereich Politik und Planung, Bundesverwaltung der Vereinten Dienstleistungsgesellschaft ver.di).
Als Einstieg und um die Perspektive aus Bangladesh einfließen zu lassen wurde ein kurzes Video gezeigt. Interviewt warden Roy Ramesh Chandra of the United Federation of Garment Workers (UFGW), Syed Sultan Uddin Ahmmed of the Bangladesh Institute of Labour Studies and Nazma Akter of the Away Foundation. http://www.socialeurope.eu/2014/11/rana-plaza-interviews/ Ein Statement daraus: „Boykott is no solution.“
Auf dem Podium wurde vor allem über die Verantwortung der Unternehmen und des Staat gesprochen. Die Diskussion reichte von „die Fabrikbesitzer machen die Löhne“ über „derjenige trägt Verantwortung, der am meisten davon profitiert“ bis hin zu „Verantwortung nicht auf die Verbraucher abwälzen“. Es ging um internationale Standards, die Rolle von Gewerkschaften und die kommende G7 Präsidentschaft. Die Bundesregierung will das Thema verantwortungsvoller Lieferketten auf die Agenda setzen. Das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung arbeitet weiter am Textilbündnis. Dort soll ein weiterer Erfolg zu verbuchen sein. Es scheint also einiges zu passieren und Rana Plaza wird als wake up call bezeichnet. Wird allerdings das Thema Entschädigungen für die Menschen vor Ort angesprochen, herrscht Ratlosigkeit und Einigkeit darüber das viel Unklarheit herrscht. Darüber, wie viel Geld im Entschädigungsfonds drin ist, wer noch nicht bezahlt hat und wie viel Geld bei den Menschen tatsächlich ankommt. Da nicht klar ist, welche Firmen dort produziert haben, können diese nicht direkt angesprochen werden, in den Fond einzuzahlen.
Was heißt das nun für uns Verbraucher_innen? Diese Perspektive wurde am Ende durch das Publikum eingebracht. Klar ist, dass sich das Verhalten der Konsument_innen verändert hat. Gab es vor 10 Jahren noch 4 Kollektionen im Jahr, sind wir heute bei 12 Kollektionen. Es gibt Siegel, die der Orientierung dienen sollen, aber eher verwirren. Eine Idee war, eine Ratingliste einzuführen, wie es sie in der Schweiz gibt ( https://www.evb.ch/themen-hintergruende/konsum/fashion-check-2010/). Festzuhalten ist, dass der Endpreis von Kleidung nichts über deren Herstellung aussagt. Meistens wird in einer Fabrik für verschiedene Firmen mit den gleichen Arbeitsbedingungen produziert, egal ob Billiglabel oder Edelmarke.
Enttäuschend ist, dass es wieder mal keinen Leitfaden gab, wie man mit als Verbraucher damit umgehen soll.
Ein Boykott von „garments made in Bangladesh“ macht insofern keinen Sinn, als Textil ca. 80% der Exportgüter ausmacht und somit Lebensgrundlage und Haupteinnahmequelle eines Großteils der Bevölkerung ist- weiter konsumieren ohne zu hinterfragen jedoch und hoffen, dass die Industrie neue Wege geht aber auch nicht.
Tatsache ist aber auch, dass man Veränderung immer durch die Beeinflussung wirtschaftlichen Erfolgs herbeiführt.
Könnte somit nicht ein Ansatz zum Mitgestalten einer Veränderung in Ländern wie Bangladesch sein, Fabriken dabei zu helfen, Sozial- und Sicherheitsstandards sowie Arbeitsrechte und Existenzlöhne einzuführen (und sie somit wettbewerbsfähiger zu machen), anstatt sie durch Alibi-Audits unter Druck zu setzen? Wie sollen die Fabrikbesitzer plötzlich all diese Forderungen umsetzen? Gebäudestatik, Sicherheitsstandards, all das kostet Geld (Produktionsausfall, Umbauten), Geld, das niemand investieren will, denn der Grund, warum alle in Bangladesch produzieren wollen ist, wie wir alle wissen, der irrsinnig niedrige Einkaufspreis.
Investieren in das Implementieren dieser Standards würde zwangsläufig positiv die Produktion beeinflussen und könnte Vorbild für andere Fabrikanten werden: Motivierte Arbeiter, gesichertere Produktionen, beständigere Qualität. Ein damit verbundener (geringer) Anstieg der Einkaufspreise wäre nur eine logische Konsequenz. Und ein Anstieg des Verkaufspreises in den Läden zumutbar. Die Zollfreiheit der EU mit Bangladesch sollte immer noch genug Ersparnis für die Konzerne bringen.
Wenn Politik und Industrie tatsächlich Interesse an einer Verbesserung der Zustände in diesem Land haben, müssten sie einen Weg gehen, der auch langfristig angelegte Ziele verfolgt und bedeutet, aktiv an der sozialen Entwicklung dort beizutragen.
Wenn der einzige Lösungsansatz jedoch lapidar durchgeführte Audits und unglaubwürdige „Code of Conducts“ sind, die sich die Modefirmen dann ganz gönnerisch auf ihre Webpage schreiben, dann kann man sich das Ganze auch sparen und munter weiter in die nächsten armen Länder wie Myanmar und Äthiopien einfallen, bis auch dort Arbeiter Hilfe-Etiketten in Klamotten nähen und das nächste zu hohe Gebäude auf sumpfigem Land einstürzt.
Also, wir sind gespannt, was sich auf Entscheiderebene tut.
Wir versuchen unterdessen im Labeldschungel den Überblick zu behalten. Peace.