Wie Modemarken mit dem Thema organic/ fair umgehen, wird in der Presse gut dargestellt. Aber wie viel Platz nimmt das Thema da ein, wo Produktentwicklung ihren Anfang hat: Beim Stoff?

papis and me_smallDie Münchner Stoffmesse Munich Fabric Start, die 2x im Jahr stattfindet, ist gut besucht. 950 Stoff- und Zutatenlieferanten zeigen ihre Neuentwicklungen. Und davon gibt es viele.

Doch ähnlich wie im Klamottenladen, und das werdet Ihr sicher kennen, tut sich bei der Durchsicht der Materialien gleich die Frage auf: Was ist das für ein Material, ist das Biobaumwolle, gibt es einen Recyclingfaseranteil oder neue, umweltfreundlichere Faseralternativen?

Bei meinem routinierten Streifzug durch die 5 Hallen und Boxenstopps bei meinen Lieblingswebern verbringe ich auch seit einigen Saisons Zeit im seit 6 Jahren bestehenden Eco Village. Dort finde ich gut 500 zertifizierte Stoffe und Zutaten (Knöpfe, Nieten, Labels) und interessante Vorträge.

Mit der online bereitgestellten Plattform kann ich zudem ganz bequem, sollte ich nach der Messe noch eine Qualität suchen, die ich noch nicht gesourced habe, eine ganz konkrete Suche starten:

www.organic-selection.com

Am Ende des Tages ist es wie im Supermarkt auch: Packt man einfach in den Wagen, was einem schmeckt, ist man recht schnell fertig. Achtet man auf die Inhaltsstoffe, kostet das Zeit. Dieser Problematik wird gut durch das messeeigene Labeling-System, das zusammen mit der IMOswiss AG entwickelt wurde, begegnet. Grüne, blaue und orange Icons zeigen mir, wie ökologisch oder sozial verträglich das Material ist.

Und wie sieht es an den Ständen der Stofflieferanten außerhalb des Eco Village aus?

Mein Messefocus war beim Sourcing diesmal Denim. An allen Ständen, die eine Auswahl an öko-fairen Stoffen führen, waren diese Artikel separat ausgepreist und die Mitarbeiter gut informiert.

denim

Bis dato verschlingt die Herstellung durch den Hauptbestandteil Baumwolle Unmengen an Wasser und im Waschprozess eine schwer überschaubare Anzahl von Substanzen. Im Gespräch mit Herrn Schär von Bluesign, einem Zertifizierer für einen ökologisch und gesundheitlich vertretbaren Herstellungszyklus, erfahre ich, dass gerade Denim eine Herausforderung darstellt, da der Chemikalieneinsatz besonders umfangreich ist.

So wird der Komplexität der Problematik mit mehreren Ansätzen versucht beizukommen.

Zum einen werden, angetrieben durch die Detox Kampagne von Greenpeace, die bis dato verwendeten Chemikalien beim Weben und beim Finishing auf Toxizität untersucht und durch unbedenklichere Substanzen ersetzt. Dies wird von Fachleuten aus den Bereichen Textil- und Umwelttechnologie, wie z.B. die oben genannten Bluesign Technologies, durchgeführt und bringt den gesamten Zyklus auf ein grünes Level.

Zum anderen wird versucht, schon an der Wurzel anzusetzen und gleich bei der Entwicklung von neuen Stoffen andere Wege zu gehen. Hier ein paar Beispiele:

  1. Orta aus der Türkei hat mehrere Nachhaltigkeitsinitiativen vorzuweisen. Biobaumwolle kommt bereits seit 2000 in einer kleinen Kollektion zum Einsatz, neuerdings wird an natürlichen Farbstoffen, die nach und nach die chemischen ersetzen sollen, gearbeitet und recycelte Baumwolle eingesetzt.
  2. Der türkische Hersteller Calik bietet Denim, dem zu einem Grundanteil Baumwolle die schnell nachwachsende und genügsame Faser Flachs (die Grundlage für Leinen) und recyceltes Plastik beigemischt wird. On top zeigt er auf dieser Qualität Laser Finishes mit einer Optik, die sich-äh-gewaschen hat, das heißt: Maximale Wasserersparnis.
  3. Kilim Denim hat Biobaumwollqualitäten in unterschiedlichen Gewichtsklassen und Konstruktionen im Angebot und will in Zukunft sein Sortiment erweitern.

Fazit:

Bei vielen Stoffherstellern gibt es Pioniere, die schon lange Innovationen zum Thema natürliche Färbungen und Reduktion von Wasser und Chemikalien in petto haben. Die Bekleidungshersteller sind jedoch selten bereit, diese Entwicklungen von Anfang an zu unterstützen und mitzutragen, aus Angst vor Problemen bei Passform und Farbechtheit.

Bei vielen Akteuren in der Modebranche, seien es Designer, Produktmanager oder Einkäufer, ist das Thema nachhaltige Stoffe (und Waschungen) noch nicht auf der Tagesordnung. Liegt aber nicht daran, dass keiner wollen würde. Es ist vielmehr die Tatsache, dass es in den firmeninternen Strukturen, innerhalb deren man eben arbeitet, (noch) keinen Raum dafür gibt.

Zur Umorientierung beim Sourcing der Modefirmen fungiert als Katalysator u.a. das Textilbündnis vom Entwicklungsministerium, im Rahmen dessen sie sich neben der Verbesserung der sozialen Aspekte zur Eliminierung toxischer Stoffe verpflichtet haben und das wiederum erfordert auch beim Stoffeinkauf Transparenz.

Ich wiederhole mich mit einem Zitat, das die Entwicklung bei den Stoffen gut beschreibt: “You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete”. Es wird an neuen Verfahren gearbeitet und es werden Wege gefunden, die nicht nur ökologischer, sondern in Zeiten der Rohstoff- und Energieknappheit auch ökonomischer sein werden. Spätestens dann ist das „aktuelle Modell überholt“.