Es passiert viel gerade im Sektor der öko-fairen Bekleidung.

Für den Endverbraucher ist es oft schwierig, all dem zu folgen und die richtigen Konsequenzen für den eigenen Konsum zu ziehen. Wie sind Aktionen von Billiganbietern zu bewerten, die jetzt plötzlich Biobaumwoll-T-shirts anbieten? Wie viele der Unternehmen betreiben strategisch green washing und welche machen sich ernsthaft auf den Weg der Umstrukturierung?

Der Designmob war nicht nur auf der Fashion Week in Berlin letzte Woche, sondern auch auf dem Aktionstreffen der Kampagne für saubere Kleidung in Ostwestfalen, um sich über den Status Quo zu informieren und Euch zu berichten.

Es gab zahlreiche Vorträge auf der Ethical Fashion Show, unter anderem zum Textilbündnis, zu cradle-to cradle Ansätzen und eine Podiumsdiskussion zum Thema Kreislaufwirtschaft.

Beim Aktionstreffen gab es Updates zu den Debatten rund um das Textilbündnis, zum Existenzlohn, Arbeitsbedingungen bei der Baumwollernte und in den Spinnereien und Projekten wie die Einführung von öko-fairer Berufsbekleidung auf Städteebene in NRW.

Heute wollen wir auf den aktuellen Stand des Textilbündnisses eingehen.

bernhard felmsbergAuf der Ethical Fashion Show, der Messe für öko-faire Bekleidung, nahmen wir am Vortrag des Ministerialdirigenten Dr. Bernhard Felmberg vom BMZ teil, der zu den Errungenschaften des letzten Jahres sprach.

Kurze Hintergrundinformation:

Den dramatischen Fabrikeinsturz vor nunmehr knapp 3 Jahren in Bangladesch hatte das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zum Anlass genommen, den schlechten Arbeitsbedingungen in den textilproduzierenden Ländern in einem breit aufgestellten Bündnis den Kampf anzusagen.

Das Textilbündnis wurde ins Leben gerufen und mit ihm die „Forderung der Durchsetzung von verbindlichen sozialen und ökologischen Mindeststandards, um menschenwürdige Arbeit zu ermöglichen. Vom Baumwollfeld bis zum Bügel.“

Ein ambitioniertes Ziel, das Anfangs viele Firmen in seiner Komplexität daran hinderte, beizutreten. Skepsis machte sich breit. Unternehmen, die sich bislang noch gar nicht engagiert hatten, fragten sich nach wirtschaftlichen Vorteilen derer, die nicht Mitglied würden und somit keine Auflagen zu erfüllen hätten. Unternehmen, die bereits durch Siegel wie Bluesign, GOTS oder Fair Wear Foundation zertifiziert waren, hatten kein Interesse an einem weiteren Siegel. Erfreulicher Weise konnten die anfänglichen Ressentiments aus dem Weg geräumt werden und es werden aktuell 170 Mitglieder verzeichnet (das sind ca. 50% des deutschen Modemarkts).

Welche Firmen sind bisher beigetreten?

Von kleinen Firmen wie Zwergengrün bis Big Players wie Adidas, Tchibo, Esprit, C&A und H&M. Hier die komplette Liste:

https://www.textilbuendnis.com/index.php/de/startseite/liste-der-mitglieder

Wer gehört zum Steuerungskreis?

4 Vertreter aus der Wirtschaft

3 Vertreter aus Nichtregierungsorganisationen

3 Vertreter aus der Bundesregierung

1 Vertreter aus den Gewerkschaften

1 Vertreter aus den nicht-kommerziellen Standardorganisationen

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Dieser wird in den kommenden Monaten die Strategie- und Prozessplanung durchführen und desweiteren Vorschläge machen, wie Partner aus den Produktionsländern sowie internationale Initiativen in die Aktivitäten des Bündnisses einbezogen werden können.

Wie arbeitet das Bündnis?

In Arbeitsgruppen behandeln Expertengruppen (unterstützt durch das Bündnissekretariat) thematische Fragestellungen. Diese Informationen gehen direkt an den Steuerungskreis.

Diese Arbeitsgruppen gibt es:

  1. Review

Es wird ein Abfrageplan an Unternehmen entwickelt um zu eruieren, wo sie stehen und wo man sie ggf. abholen kann. Letzteres dürfte der wohl schwierigste Bereich dieser AG sein

  1. Sozialstandards

Durch eine Internationalisierung des Bündnisses soll der Focus auf Monitoring vor Ort gesetzt werden, auch das eine Herausforderung

  1. Chemikalien

Fachleute, u.a. von Detox Greenpeace, legen die Richtlinien für erlaubte und unerlaubte Chemikalien des gesamten Produktionsprozesses fest. Eine AG, die schnell gute Fortschritte erzielt, denn die Thematik ist konkret an technische Expertise gebunden, die auch gut mit ökonomischen Vorteilen und Beschaffungserleichterungen verargumentiert werden kann

  1. Kommunikation

Über die Seite http://www.siegelklarheit.de werden Siegel für Textilien, Lebensmittel, Papier und Holz vorgestellt und bewertet. So wird versucht, dem Konsumenten Hilfestellung beim einkaufen zu geben und Transparenz zu gewährleisten

Der „grüne Punkt“

Wer bereits versucht hat, durch Siegel Klarheit zu gewinnen wird gemerkt haben, dass es auch hier keine einfache Lösung nach dem Motto „ah, super, xy-Zertifikat, ich kann bedenkenlos kaufen“ gibt.

Eine super Informationsquelle zum Thema Labeldschungel ist unserer Meinung nach der gleichnamige Orientierungsguide von der CCC.

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Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde verwirrt wird ist groß. Somit ist es verständlich, dass das Textilbündnis auch hier versucht, die Situation zu verbessern. In Planung ist der „grüne Punkt“, quasi ein Deckelsiegel, das über die bereits Bestehenden gestülpt werden soll. Wie genau das funktionieren soll, ohne die Sache noch weiter zu verkomplizieren ist noch unklar, wir bleiben auf jeden Fall am Ball und halten Euch auf dem Laufenden.

Freiwilligkeit oder Gesetzesgrundlage

Aktuell ist der Beitritt zum Bündnis freiwillig.

Die Mitglieder verpflichten sich dabei auf einen verbindlichen Prozess zur Umsetzung der gemeinsamen Maßnahmen. In diesem Prozess ist die Beziehung zwischen Wirtschaftlichkeit, sozialen Aspekten und Umweltfreundlichkeit zu berücksichtigen. Es erfolgt eine Überprüfung des Fortschritts hinsichtlich der Verfolgung und Erreichung der Ziele. Wer diese Überprüfung durchführen soll, wer diese Mammutaufgabe leisten kann, ist allerdings noch unklar und dürfte eine der großen Herausforderungen werden.

Unklar ist bislang auch noch welche Sanktionsmechanismen eingesetzt würden, würden die festgelegten Ziele nicht oder nur teilweise erreicht: Mahnung? Ausschluss?

Gerade deshalb plädieren die NGOs auf eine gesetzliche Regelung. Dadurch gäbe es eine Sorgfaltspflicht der Unternehmen für die gesamte Lieferkette; wenn sie dieser nicht nachkämen, würden sie auf rechtlicher Grundlage zur Rechenschaft gezogen.

Noch spricht sich die Regierungsvertretung im Steuerungskreis gegen eine gesetzliche Regelung aus, wohl deshalb, weil sie befürchtet, bestehende und potentielle neue Mitglieder damit zu verschrecken- haben sie diese doch mit der offenen Bündniskultur überzeugt, die „eine Plattform bietet, auf der die beteiligten Akteure den Fortschritt bei der Umsetzung der Ziele gemeinsam überprüfen, Erfahrungen teilen […] und voneinander lernen können.“

Wir werden sehen, wie die Diskussionen hierzu verlaufen.

Finanzierung:

Bis einschließlich 2018 übernimmt das BMZ die Finanzierung des Sekretariats. Wie es dann weitergehen soll, ob und wenn ja wieviel die Unternehmen dazu beitragen werden müssen, wird derzeit im Steuerungskreis diskutiert.

Das ist geplant:

Das Bündnis soll internationaler aufgestellt werden, so gibt es dieses Jahr z.B. eine Konferenz für Frauenrechte in Indien.

Einschätzung des Bündnisses:

Die NGOs bewerten das Bündnis trotz noch fehlender Gesetze als positiv, da es „wichtige Impulse setzen kann“. Zudem besteht der Mehrwert durch den Multi-Stakeholder-Ansatz, das heißt: Der Steuerungs- und somit Entscheiderkreis besteht aus Vertretern aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Ministerien, und zwar zu ausgeglichenen Teilen. So können Parameter festgelegt werden, die nicht einseitig sind, sondern sich an hohen Zielvorgaben orientieren.

Im Rahmen der vielen Diskussionen und Vorträge, die wir besucht haben, sind wir mit unterschiedlichsten Branchenprofis ins Gespräch gekommen. Natürlich wollten wir wissen, wie sie das Bündnis bewerten. Neben einigen kritischen Stimmen seitens sehr innovativer Labels, die eh schon alles richtig machen und für die so ein Bündnis wenig relevant ist bis zu Vertretern der Wirtschaft, die es am Ende des Tages als Chance sehen, sich auf das Thema einzulassen, bevor es eine Gesetzesregelung geben könnte, die Maßnahmen innerhalb eines zu straffen Zeitplans fordert, herrscht doch die Meinung, dass es viele gute Elemente beinhaltet und, wie wir von Brett Mathews (Ecotextile) erfahren konnten: Dass das Bündnis einen vorbildhaften Charakter für andere Länder hat.

Bestenfalls könnte es als generelle Blaupause für fairen Handel fungieren, nicht nur für Textilien, sondern auch für Erze, für Kaffee, für Holz.

Und das ist besser als Entwicklungshilfe.

 

 

Quellen:

www.textilbuendnis.de

www.saubere-kleidung.de

Bildquellen:

www.textilbuendnis.de