„Fräulein Doris, gehen Sie zu Rothdauscher, da gibt’s die beste Qualität“ riet mir meine Nachbarin, 80 Jahre alt, als wir uns darüber unterhielten, wo sie Bettwäsche und Blusen kauft. Auch bei meinen Besuchen später im Altersheim saß diese bei unseren Treffen stets tadellos gekleidet am Tisch, nebendran die perfekt gemangelte Tagesdecke.

Qualitätsanspruch und die Bereitschaft diese Qualität, die ihren Preis hat, zu pflegen, das ist uns verloren gegangen. Und zwar seit den 90ern, als es die ersten H&M Filialen gab, die genau diesen Anspruch an vernünftiges Material und Verarbeitung ad absurdum geführt haben: Warum immer das Selbe tragen und sich die Mühe machen, es zu reparieren oder für Reparatur oder Änderung mehr bezahlen als für ein neues Teil?

Frau Wenzel stammte aus einer Zeit, in der Begriffe wie Makobaumwolle, Fresco, Schurwolle und Leinen Bezeichnungen waren, die einen Platz im aktiven Wortschatz hatten und einen festen Bestandteil in der Qualitätsskala von Bekleidung ausmachten. Einer Zeit, in der Kleidung ihren Preis hatte und zwar durchaus bereits mehr als ein Grundbedürfnis gedeckt hat und chic sein sollte, jedoch die Entscheidung für oder gegen etwas Neues nicht primär getragen davon war, dass es für nur einen Abend herhalten sollte, sondern mehr drauf haben musste.

Einen großen Anteil an der Entscheidung für oder gegen ein Kleidungsstück machte die Qualität des Stoffes aus.

Und über die wollen wir heute sprechen.

So war mein Focus dieses Mal beim Besuch der Messen zur Fashion Week das Material. Und zwar das wertige UND nachhaltige Material.

Ich sprach auf dem Green Showroom und der Premium mit einem kleinen Brand aus Krakau, einem von einer Biologin gegründeten Startup und dem wohl bekanntesten deutschen öko-fairen Label über ihre Materialinnovationen und den Wareneinsatz.

 

KOKOWORLD- BUNT UND UNKONVENTIONELL

Agata aus Krakau, reiselustige Entdeckerin mit einer Liebe für Menschen, Natur und wertige Produkte aus regionalen Manufakturen setzt einen Mix ein aus Stoffen, die sie von ihren Reisen mitbringt, Mikromodal von polnischen Webereien, Biobaumwolle aus der Türkei und neuerdings auch Lyocell.

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Produziert wird in kleinen Betrieben in Polen:

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Sie ist frei von den Kollektionsrhythmen Frühjahr/ Sommer und Herbst/ Winter und bringt die Entwicklungen unabhängig von den Jahreszeiten ganzjährig in den Laden oder direkt in den Webshop. Macht Sinn, denn es gibt ja nicht nur den globalen Norden und außerdem kommt dies ihrer Einkaufspolitik entgegen: Eingesetzt wird, was gefällt und verfügbar ist. Ist ein Stoff/ Druck nicht in größeren Mengen da, wird er eben in limitierten Kollektionsteilen eingesetzt.

So ist Kokoworld perfekt für Individualisten, die gerne einen Hauch echter Exotik tragen und eine Story zu ihrem Kleidungsstück haben wollen. Eine andere Story als die, die niemand hören will, nämlich von Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen und dem Verursachen schwerwiegender Umweltverschmutzung.

Die Stories, die Agata erzählen kann sind vielseitig und motivieren dazu, sich ihre Kollektion genauer anzusehen:

AFRICAN COLLECTION:

Addis Abeba ist nicht nur der Name von Äthiopiens Haupstadt, sondern auch ein einzigartiges Material: Baumwolle mit buntem Wachsdruck und der Tie-Dye-Technik, in Afrika generell „Waxes“ genannt. Die Methode, Textilien mit Wachs zu färben, hat vor ca. hundert Jahren Afrika erreicht, ursprünglich stammt sie jedoch aus Indonesien. Die farbenfrohen Muster kamen so gut an, dass sie sich dauerhaft in Afrika angesiedelt haben. Mit dem Kauf von Artikeln aus dieser Kollektion werden zudem lokale Handwerker unterstützt, mit denen Kokoworld bei neuen Mustern und Materialien zusammen arbeitet.

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BATIC INDONESIA:

Hier werden unifarbene Teile mit Details aus indonesischer Baumwolle kombiniert, die mit dem traditionellen Muster KAIN ENDEK bedruckt ist. Jedes Muster wiederholt sich nur einmal und wird immer in einer anderen Konfiguration eingesetzt.

Batik Indonesia medley

SAMSUNG CSC

PURE COTTON FROM SENEGAL:

Handgewebte und –gefärbte Baumwolle aus einem Vorort von Dakar. Feinste Naturfasern in ausdrucksstarken (naturbasierten!) Farben, aus denen Schals und Hosen entstehen:

pure cotton from senegal

 

koko schals

Und hier wird’s basic: KOKO CLASSICS und ORGANIC COLLECTION:

Styles aus Leinen, Lyocell oder Mischgewebe; immer von polnischen Webereien. Klassisch und gut kombinierbar. Weniger exotisch, dafür Anwärter für das Zusammenstellen einer Basic Wardrobe:

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Final ein Augenschmaus: Kokoworld hat diesen Sommer ein Fotoshooting ihrer Mode auf Rügen abgehalten. Die Insel, die für ihre Kreidefelsen bekannt ist, wird wohl bald von der Oberfläche verschwunden sein: Sie ist durch den ständig steigenden Wasserspiegel vom Überfluten bedroht! Zum diesjährigen Weltumwelttag wurde die Kollektion vor dieser gefährdeten Landschaft inszeniert. Das Resultat: Bilder, die mit ihrer Ästhetik Schönheit und Vergänglichkeit zeigen und so im Gedächtnis bleiben:

kreidefelsen shooting 03kreidefelsen shooting 02kreidefelsen shooting 07Wer etwas mehr in die Tiefe gehen will und gerne einen Einblick bekommen möchte zum Herstellungsprozess all der tollen Materialien, sei hiermit eingeladen auf ein gratis Tutorial :-)

 

MAZURCA- LEINEN IN ALTER HANDWERKSKUNST

Die junge Biologin Sara aus Lissabon hat sich mit ihrer Neugründung dem Leinen verschrieben. Flachsanbau und –verarbeitung hat eine lange aber mittlerweile fast vergessene Tradition in Portugal. Diese wiederzubeleben hat sich Sara zum Ziel gemacht. Dabei entstanden Produkte, die perfekt sind für das widerstandsfähige Leinen: Hübsch bedruckte Taschen.

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Neben dem hiesigen Leinen wird zudem konventionelles Leinen eingesetzt, das in Frankreich angebaut und gesponnen wird und Biobaumwolle aus Indien, beides in Portugal gewebt.

Ergänzt werden die pflanzlichen Naturfasern mit BUREL Wolle: Sie stammt zu 100% von heimischen Schafen und bringt all die Vorteile wie herkömmliche Wolle mit sich: Sie ist wasserresistent und feuerabweisend und muss, typisch Wolle, nur selten gewaschen werden: Lüften ersetzt den Waschgang in den meisten Fällen!

Aber zurück zum Leinen und unserem Qualitätsanspruch:

Das Zitat von Alice Bernardo, der Mentorin, die der Wiederbelebung des Leinen vorsteht und die offensichtlich begeistert ist von der Qualität, spricht für sich- bzw. das Produkt:

„Es ist eine Sache, einen komplett handgemachten, rustikalen Leinen herzustellen und eine andere ist diese wundervolle Sache, die Dona Maria das Dores anpflanzt und webt. Ihre Verarbeitung erinnert sehr an die traditionelle Arbeit ihrer Region, aber ihr Ansatz hat nichts mit dem unbewussten Wiederholen von Tradition zu tun. Wir haben uns Stunden unterhalten und sie wiederholte immer wieder, dass es ihr Ziel ist, die „beste Arbeit“ und den „besten Stoff“ zu produzieren. Ich höre das nicht so oft wie ich gerne würde“.

Die Erwartung an sich und den Rohstoff sind hoch

Auch im Gespräch mit Sara hatte ich den Eindruck: Die Arbeitsmoral ist hoch, die Erwartung an sich und den Rohstoff auch. Mal spricht die Biologin, mal die Gestalterin der Taschen. Sara und Dona Maria in Kombiniation: Das perfekte Duo.

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Verwendet wird der sogenannte Galego-Flachs, eine portugiesische Sorte, die nicht nur zum Faserertrag eingesetzt wird, sondern auch für die Ernte von Leinsamen. Nebst dem sehr geringen ökologischen Fußabdruck ist der Flachsanbau auch noch transparent, vom Samen bis zum Stoff.

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Die herrlichen Drucke werden mit handgemachten Stempeln gestaltet, mit wasserbasierten, umweltfreundlichen Textilfarben.

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mazurka 01Da MAZURCA kleine Stückzahlen produziert, ist jede Tasche individuell angefertigt.

mazurca tasche 03 mazurca tasche 02 mazurca tasche 01Bitte unbedingt ihr Instagram checken. Superschöne Moods und hier gibt’s nicht nur Taschen, sondern auch Blusen und T-shirts zu sehen…

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Übrigens: Sollte trotz robuster Verarbeitung doch mal etwas sein: Der Reparaturservice ist beim Kauf einer Tasche automatisch dabei.

 

ARMED ANGELS- ENGEL, BEWAFFNET MIT BIOBAUMWOLLE UND TENCEL…

…denn das sind die Hauptqualitäten der Sommerkollektion des deutschland-, vielleicht sogar europaweit größten öko-fairen Labels als Köln. Ergänzt wird die Kollektion zudem mit Biowolle und -leinen, sowie Modal und recyceltem PET.

Im Gespräch am Messestand wird mir ausführlich über die Qualitäten berichtet. Hier kennt sich, im kompletten Gegensatz zu den konventionellen Labels, auch der Vertrieb aus; es geht sogar in die Tiefe und mir wird erklärt, was Biobaumwolle noch so alles kann außer wenig Pestizide: Nämlich die abwechselnde Fruchtfolge für die Erhaltung besserer Böden (zum Beispiel mit Nahrungspflanzen wie Hirse) und Biodünger.

Ich schaue mir die Kollektionsteile an und bin ganz verliebt in das Handfeel der Qualitäten: Tencel und Modal sind seidenweich und superleicht, hierfür muss keine Raupe das Leben lassen. Zudem wurden die Qualitäten in allen möglichen Strukturen eingesetzt, es gibt die Regeneratfasern also nicht nur in glatt, sondern z.B. auch mit einer optisch groben Canvasstruktur, auf der die Farben besonders schön wirken.

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Und die Qualitäten sind, das weiß ich aus eigener Erfahrung, nicht nur schön, sondern halten auch lange.

Es ist alles transparent: Die Herkunft der Stoffe, die Lieferanten. Skeptisch? 3 der besten Zertifizierungen können nicht lügen

Armed Angels ist gleich dreifach zertifiziert. Und bietet so sozusagen einen Rundumschutz für die Gewährleistung von Ökologie und Arbeitsbedingungen:

FAIRTRADE steht für gute Arbeitsbedingungen aller Arbeiter in der Produktionskette und für den Einsatz von Biobaumwolle, von der ein Großteil von der Baumwollkooperative Indien stammt.

In Ergänzung dazu setzt GOTS höchste ökologische, nachhaltige sowie soziale Anforderungen an biologisch erzeugte Naturfasern.

Abrunden tut das Ganze die FairWearFoundation: Sie hilft, ihre Lieferanten dabei zu unterstützen, dauerhaft gute Arbeitsbedingungen für alle Mitarbeiter zu ermöglichen. Somit wird gewährleistet, dass die erwünschten Standards eingehalten und ausgebaut werden.

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Stories zum Lieblingsteil gefällig? Davon gibt’s genug

Jeder Kunde, der sich intensiver mit dem Hintergrund eines Labels auseinandersetzt, liest gern eine gute Story. Kein Marketinggeschwafel, wie „authentisch“ doch alles wieder ist, sondern reelle Geschichten, hinter denen man stehen kann, bei denen es Identifikationspotential gibt. Und die gibt’s bei Armed Angels zur Genüge.

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Zu meine Lieblingen gehört die Gründungsstory, die zum dieses Jahr zehnjährigen Jubiläum erzählt wird. Eingehen will ich aber auf die Geschichte von der Schnittmeisterin Filiz, die für einen Stricker in Istanbul arbeitet, vielleicht vor allem deshalb, weil ein Großteil der Menschen in der Textilbranche weiblich ist und in besonders schwierigen Arbeitsverhältnissen arbeitet:

Filiz ist Schnittmeisterin und arbeitet für einen GOTS-zertifizierten Betrieb, in dem den Chef alle „den Vater“ nennen. Sie mag besonders an ihrem Job, dass sie immerzu Neues kreiert und das Resultat physisch in Händen halten kann. Besonders gefällt ihr, wenn sie ihr Machwerk perfekt gestylt in einem Lookbook  sieht. Sie steht für Gerechtigkeit und es ist Ehrensache, dass sie dafür einsteht. Und dank des vernünftig aufgestellten Betriebs auch einstehen darf.

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Seit der 3-jährigen Zusammenarbeit von Armed Angels mit dem türkischen Stricker haben sich viele Dinge im Bereich Arbeitszeitregelung, Lohn und Recht, Gesundheit und Sicherheit und bei den Trainings positiv entwickelt, einige mehr stehen auf der Agenda und sind genau auf der Webpage nachzulesen.

Der Stricker hat übrigens kein Problem damit, den Nachwuchs dazu zu motivieren, das Unternehmen zu übernehmen: Der Enkel schreibt aktuell seine Abschlußarbeit in green marketing.

Schließen will ich mit dem Statement, das im Lehrbuch jeder Einkaufsabteilung stehen sollte:

„Unsere Lieferanten sind unsere Partner und als solche behandeln wir sie auch. Das heißt vor allem, dass wir eine Geschäftsbeziehung aufbauen, die auf Vertrauen und Respekt basiert und nicht auf Kontrolle. Für uns ist es wichtig, dass unsere Produzenten unsere Mission verstehen und gemeinsam mit uns wachsen wollen. Deshalb streben wir auch immer langfristige Partnerschaften an“. (Julia, Sustainability Managerin bei ARMEDANGELS)

Schön, dass das nicht nur ein Märchen ist, das Authentizität vorgaukelt, sondern gelebte best business practice.