In Deutschland sind wir es seit den 80er Jahren gewohnt, Müll zu trennen.

Wiederverwertbare Kaffeebecher und Trinkflaschen werden immer beliebter, die gute alte Pausenbrotdose ist zurück und man denkt über den ökologischen Fußabdruck beim Reisen und beim Kauf von Produkten nach. München versucht als zweite deutsche Großstadtnach dem Vorbild von Bristol und Hamburg frei von Plastikwasserflaschen zu werden und bietet in Läden mit diesem Sticker gratis Leitungswasser zum abfüllen in mitgebrachte Flaschen an:

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Doch wie sieht es in anderen Ländern aus?

Wie recyclingfreudig sind die Menschen dort, was werden ihnen für Optionen im Alltag geboten, um nachhaltiger zu agieren und zu konsumieren?

HONGKONG- SCHNELLLEBIGER LIFESTYLE MACHT UMWELTFREUNDLICHES VERHALTEN SCHWER

Am Flughafen von Hongkong wird man gleich von der chinesischen Ikone schlechthin empfangen: Bruce Lee

Am Flughafen von Hongkong wird man gleich von der chinesischen Ikone schlechthin empfangen: Bruce Lee


Ich hatte zwei Monate Zeit, mir Hongkong diesbezüglich genauer anzuschauen: Eine supermoderne City, in der alles auf Bequemlichkeit ausgelegt ist, um das Leben der Menschen in der dicht besiedelten Stadt einfacher zu machen. Hier kocht niemand zu Hause, aus Platz- oder Zeitmangel, das Leben spielt sich zu großen Teilen draußen ab. Und wer viel auswärts isst, produziert viel Müll.  Zu viel: Mehr als 9000 Tonnen- täglich hat die „Sonderverwaltungszone Hongkong“ aufm Tacho. Dass so einer Menge auf Dauer nicht beizukommen ist, ist klar. Doch die Menschen in ihren Gewohnheiten umzukonditionieren ist eine ähnlich schwierige Mammutaufgabe. Wer es gewohnt ist, täglich nicht nur Kaffee und Wasser sondern auch sämtliche Mahlzeiten aus Plastikgeschirr zu konsumieren und sich nicht darum kümmern muss, Tupperdosen oder Mehrwegtrinkflaschen zu säubern und mitzuschleppen, lässt sich schlecht umstimmen. Zu aufwändig, zu müßig.

Mega City-Mega Hochhäuser

Moderne Hochhäuser, unmoderne Müllpolitik

AUF DER SUCHE NACH EINEM ÖKOLOGISCHEREN LIFESTYLE IN DER 7 MILLIONEN STADT: GREENQUEEN, GREENLADIES UND DIE PMQ MALL

Ich mache mich auf die Suche nach einem ökologisch besser vertretbaren Lifestyle und finde tolle Impulse, stoße z.B. auf den Blog GREENQUEEN, auf dem man alles findet, was nachhaltig ist, von Restaurants bis zu Mode. Beim Essen gehen hat man viele Biooptionen, auch viele vegetarische und vegane. Bei der Mode wird’s schwieriger. Wieder verwerten bzw. wieder benutzen steht auch bei Bekleidung nicht groß in der Gunst der Chinesen. Second Hand Läden (wie z.B. Greenladies), in anderen Metropolen super beliebt und immer in den angesagtesten Gegenden angesiedelt, findet man in Hongkong nur selten. Grund ist hier zum Teil ein kultureller: Die Bedenken, es könnte ein Mensch in dieser Kleidung gestorben sein und ein schlechter Spirit könne dem Kleidungsstück so innewohnen, reichen aus, diese Option als nicht relevant abzuspeichern. Zwar geht die jüngere Generation anders mit der Thematik um, jedoch ist dieser kulturelle Aspekt für die schwache Präsenz von Läden mit gebrauchter Kleidung mitverantwortlich.

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Second Hand Shopping bei Greenladies in Hongkong: Die Läden sind in Hongkong eine Seltenheit

Second Hand Shopping bei Greenladies in Hongkong: Die Läden sind in Hongkong eine Seltenheit

Ich finde eine vielversprechende Podiumsdiskussion: Im Rahmen der Design Talks in der PMQ Mall, einem kleinen feinen Einkaufszentrum im Herzen des IN-Viertels Central auf Hongkong Island, wird über nachhaltige Mode gesprochen.

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Dort, wo lokale Labels und handgefertigte Klamotten, Schuhe, Keramik, Schmuck und Möbel angeboten werden, gibt es Raum für nachhaltigen Konsum.

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C360_2017-11-30-17-34-21-265        In der PMQ-Mall werden auch nachhaltige Workshops angeboten: Aus alten T-shirts werden Decken

Da das Event nur auf kantonesisch angeboten wird, setze ich mich mit der Kuratorin der Veranstaltung, Shin Wong, in Verbindung, die mir wiederum mit Kay Wong vorstellt, die den Vortrag hielt und eine Pionierin des nachhaltigen Designs ist. Ich treffe mich mit ihr zum Frühstück und erfahre über das eigene Label, das sie hatte, Daydream Nation, ihren Aufenthalt in Kopenhagen und ihre Entscheidung, sich ab von der schnelllebigen Mode, hin zu zero waste Art und Design zu wenden. Ihre Arbeiten sind sehr inspirierend und es ist schön zu sehen, wie sich Designer ohne den Druck, ständig neue Stlyes zu produzieren, in einer authentischen Bildsprache ausdrücken. „Noch ist es aber so“, sagt sie, „dass es viel Überzeugungsarbeit und Aufklärung braucht, bis die Konsumenten umdenken, nachdenken“. Ich spreche mit ihr über die Workshops, die wir an Schulen in Deutschland machen und auch sie sieht im Bildungssektor großes Potential für Veränderung.

Kay Wong: www.thegreenartivist.com

Kay Wong: www.thegreenartivist.com

REDRESS: DIE HONGKONGER NGO SETZT SICH SEIT 10 JAHREN FÜR RECYCLING UND EINE GRÜNERE BEKLEIDUNGSINDUSTRIE EIN

Bildung und Aufklärung. Ein Ansatz, den auch die vor gut zehn Jahren gegründete NGO REDRESS fährt. 2007 stieß die Journalistin Christina Dean auf die Problematik mit der Modeindustrie. Dass die meisten der aussortierten Klamotten direkt auf dem Müll anstatt in Recyclingcontainern landeten. Dass die Spinnereien, Webereien, Färbereien und Wäschereien immens zur Umweltproblematik in Hongkong und China beitragen. Und dass Konsum, der nicht hinterfragt wird, weder gesund fürs Portemonnaie noch für die Umwelt ist.

Redress arbeitet mit der Industrie an Recyclingprogrammen, gibt Reparierworkshops, engagiert sich mit Konsumentenkampagnen, unterstützt FASHION REVOLUTION CHINA, hat einen Design Award ins Leben gerufen und das Buch DRESS WITH SENSE herausgebracht, in dem es tolle Anregungen und hübsch illustrierte Anleitungen zu nachhaltigem Konsum gibt:

dress with sense 03 dress with sense 02 dress with sense 01MEIN RESUME FÜR HONGKONG

Mit Redress gibt es eine Instanz, die die Thematik ganzheitlich anpackt.

Kleine Designer, Aktivisten und Blogs bieten eine Alternative zu Fast Fashion.

Jedoch steckt hier, im Vergleich zu anderen Orten, die öko-faire Szene noch in den Kinderschuhen. In einer Stadt, die sich vor den Toren der Nähstube der Welt befindet, nämlich Festland China, ist es schwer, gegen die Flut an günstiger Bekleidung anzukommen.

Die typischen pastellfarbenen Hochhäuser, die in der ganzen Stadt zu finden sind und oft ein surreales Farbspiel abgeben

Die typischen pastellfarbenen Hochhäuser, die in der ganzen Stadt zu finden sind und oft ein surreales Farbspiel abgeben