Das mit dem Leder ist nicht so einfach. Hier gibt es nicht nur „öko-fair“ und „we don’t care“, es gibt da eben auch noch den veganen Aspekt: Wer tierische Produkte ablehnt, ist oft auf der Suche nach umweltverträglichem Lederersatz, denn das normale Kunstleder aus Polyurethan ist weder angenehm zu tragen, noch ökologisch vertretbar.

Heute wollen wir uns aber auf das tierische Leder konzentrieren, aus dem ein Großteil der Schuhe, Accessoires, Bekleidung und auch Möbel gemacht ist.

Leder ist zwar ein Nebenprodukt der Fleischindustrie, jedoch sollte man auch diesen Aspekt kritisch hinterfragen: In der idealen Welt kann man sagen, es ist gut, dass alles am Tier genutzt wird, nicht nur das Fleisch. Tatsächlich ist es aber auch so, dass der Bedarf an Leder das ganze Geschäft noch lukrativer macht und die Profitgier demensprechend schürt. Und damit ein ethisch vertretbarer Umgang mit Tieren und Arbeitern der Lederindustrie in noch weitere Ferne rückt.

 

DER EINSATZ VON NICHT ZERTIFIZIERTEM LEDER TRÄGT MASSIV ZU TIERLEID, UMWELTVERSCHMUTZUNG UND ARBEITSRECHTSVERLETZUNGEN BEI

Die konventionelle Ledergewinnung ist als besonders schädlich einzustufen. Neben den Tieren sind auch Menschen und Natur in den meist südostasiatischen Produktionsländern die Leidtragenden. In diesem Sektor gibt es besonders viel Kinderarbeit und der Umgang mit toxischen Gerb- und Farbstoffen, die das gefährliche Chrom 6 entwickeln können, führen zu schweren Krankheiten und vergiften Flüsse und Böden.

Am Beispiel von Bangladesch, einem der größten Lieferanten von Billigleder, wird in einem Beitrag der Reihe „37 Grad“ des ZDF gezeigt, wie heilige Kühe aus dem hinduistischen Indien illegal und unter tierquälerischen Umständen ins muslimische Bangladesch transportiert werden, um dort von Billiglohnarbeitern ohne Schutzbekleidung geschlachtet und weiterverarbeitet zu werden. Und auch die Natur kriegt hier noch mal richtig ihr Fett ab: Alle eingesetzten Chemikalien werden direkt und ungefiltert in den nächsten Fluss geleitet.

Ob in Bangladesch oder anderen armen Herstellerländern, die Menschen dort sind auf diese schlecht bezahlten Jobs angewiesen und nehmen in Kauf, dass ihre Gesundheit auf dem Spiel steht.

Umso mehr sollten wir als Verbraucher einfordern, dass für Lederwaren Industriestandards eingeführt werden und entsprechend konsumieren.

INKOTA: FÜRSPRECHER FÜR EINE SAUBERE LEDERINDUSTRIE

Bildquelle: Inkota

Bildquelle: Inkota

INKOTA setzt sich schon lange für die Verbesserung der Umwelt- und Arbeitsbedingungen der lederproduzierenden Länder ein. Mit der Kampagne „CHANGE YOUR SHOES“ wird ein verbindlicher Einsatz der EU für die Wahrung von Menschen- und Arbeitsrechten gefordert:

https://www.inkota.de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilungen-2017/pm-kampagne-fordert-eu-muss-hersteller-und-haendler-von-schuhen-und-leder-bei-menschen-und-arbeitsrechten-in-die-pflicht-nehmen/

Zudem informiert INKOTA umfassen über das Geschäft mit dem Leder und bietet viele nützliche Downloads für interessierte Endverbraucher und Lehrkräfte:

https://webshop.inkota.de/?f[0]=field_pd_category%3A234&f[1]=field_pd_type%3A218

Auch wenn die Empathie mit den Arbeitern aus Asien nicht dazu reicht, eine entsprechende Kaufentscheidung zu treffen oder sich über NGOs wie Inkota zu engagieren: Am Ende des Tages kann man selbst zum Leidtragenden werden, wenn man als Käufer von gefährlich chromhaltigen Lederprodukten lebenslange Allergien behält.

Achtung! „Made in“ besagt nicht, woher das Leder kommt. Es besagt lediglich, wo der letzte Arbeitsschritt am Produkt vorgenommen wurde. So können Waren, die mit „made in Europe“ angepriesen werden auch Leder aus Asien enthalten.

IVN NATURLEDER: EIN SIEGEL, DAS ÖKOLOGIE UND FAIRNESS BERÜCKSICHTIGT

Empfehlenswert ist, beim Kauf von Lederwaren auf das IVN NATURLEDER Siegel zu achten:

„IVN Naturleder ist ein Standard des Internationalen Verbandes der Naturtextilwirtschaft ausschließlich für Leder. Bei der Zertifizierung werden alle Herstellungsstufen von der Rohware bis zum fertigen Leder (nicht des verarbeiteten Lederproduktes) berücksichtigt. Im Vordergrund stehen die Einsparung von Ressourcen, Umwelt- und Gesundheitsschutz. Zertifiziert werden kann nur Leder, das aus Rohhäuten von Tieren, die zur Fleischgewinnung gehalten wurden, hergestellt ist. Zudem sind keine chemischen Konservierungsmittel für das Konservieren der Rohhäute sowie Chrom- und mineralische Gerbstoffe im Gerbverfahren zugelassen. Der IVN überprüft die Umweltbelastung, einzelne Gefahrenstoffe und die Recyclingfähigkeit des Leders. Außerdem gelten strenge Sozialkriterien für den gesamten Herstellprozess, die sich an den Kernarbeitsnormen der ILO orientieren“.

ivn naturleder

RAPEX: EINE PLATTFORM, DIE ÜBER SCHADSTOFFBELASTETE PRODUKTE INFORMIERT

Das europaweite Warnsystem RAPEX informiert über schädliche Produkte, u.a. ist immer wieder von chrombelasteten Lederwaren zu lesen. Es können natürlich lediglich Stichproben getestet werden, realistisch sind aber viele Produkte, vor allem Schuhe und (Arbeits-)handschuhe belastet:

https://www.produktwarnung.eu/stichwort/rapex-meldung

Würden Firmen auf eine transparente Lieferkette bestehen und somit die Regierungen in den produzierenden Ländern unter Druck setzen, könnte sich etwas ändern. Für die Arbeiter, für die Umwelt. Jedoch auch für den Einkaufspreis. Und schon erklärt sich die Situation.

GIBT’S FÜR LEDER NOCH EINE ANDERE ROLLE ALS DIE DES SCHWARZEN SCHAFS? JA, BEWEISEN „NOY“ AUS HAMBURG

Dass es auch anders geht, dass die „ideale Welt“ nicht idealistisch sein muss, zeigen immer wieder kleine, progressive Startups.

NOY6

Sie legen Wert auf eine vernünftige Herstellung, von der Tierhaltung bis zum Finish und setzen auf europäische Partner, die offen mit ihrer Arbeitsweise umgehen.

Ich habe mich mit den Gründern des erst 2016 gegründeten Label NOY aus Hamburg unterhalten, Nadine Hartmann und Yannick Hausherr und will wissen, wie sie es geschafft haben, transparent zu arbeiten, trotzdem wirtschaftlich zu sein und dabei sich selbst treu zu bleiben.

NOY1

Designmob: Wenn man den Entschluss fasst, ein eigenes Label zu gründen, wird man mit der Entscheidung konfrontiert, wie und wo man produzieren lässt. Wie war da euer Ansatz?

NOY:Unternehmerische Verantwortung ist für uns eine Herzensangelegenheit. Deshalb versuchen wir, unseren negativen Einfluss auf Umwelt und Gesellschaft so gering wie möglich zu halten.

Wir stehen für:

  • artgerechte Tierhaltung – unsere Rohware beziehen wir von Ökorindern aus Europa
  • umweltbewusste Produktion – unser Leder ist ausschließlich vegetabil gegerbt.

Produktionsstatten und Zutatenlieferanten in Deutschland und Europa gewährleisten kurze Transportwege und sorgen für die Einsparung von CO₂.

  • faire Arbeitsbedingungen – unsere Produktion findet in einer deutschen Manufaktur statt, alle Materialien beziehen wir von lokalen Unternehmen und aus der Toskana in Italien.
  • Qualität – Wir arbeiten nach strengen Qualitätsrichtlinien und unsere Materialien sind mit Zertifikaten wie Cradle to Cradle , Biokreis und IVN Naturleder ausgezeichnet.
  • Puristisch zeitloses Design – mit dem Ziel langlebige und hochwertige Produkte zu gestalten.
NOY Backpack no. II

NOY Backpack no. II

Designmob: Eure Preise sind, vor allem im Vergleich zu anderen Firmen, die nicht-nachhaltige Produkte in einem ähnlichen Modegrad anbieten, also auch cool und stylish, nicht teurer. Viele Firmen argumentieren damit, dass es schlicht und einfach nicht kalkulierbar ist, öko-fair zu produzieren. Was ist eure Meinung dazu?

NOY: Unser Ziel ist es, lokale Familienunternehmen zu unterstützen, von deren langjährigen Erfahrungen wir und unsere Kunden profitieren können. Dabei geht es uns primär um die oben genannten Aspekte und weniger darum, den größten Profit rauszuschlagen. Öko-fair zu produzieren ist heutzutage definitiv kein Problem mehr, auch nicht für den Massenmarkt.Durch die immer höhere Nachfrage nach bewusstem Konsumieren nachhaltiger Produkte, ist glücklicherweise das Angebot an Materialien und Produktionsfirmen gestiegen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen. Dadurch findet man auch Übersee Produktionsstatten, die sich Organisationen angeschlossen haben, um auf faire Arbeitsbedingungen zu achten. Diese Produkte sind nicht wesentlich teurer als konventionell hergestellte Produkte. Richtet man seine Produktion allerdings auf Europa aus, sind ganz klar preisliche Unterschiede festzustellen, die sich auch im Endpreis wiederspiegeln. Dann ist es vielmehr eine Frage nach der Art und Häufigkeit des Konsumierens. Möchte man ein Produkt, das für seine Qualität und Wertigkeit spricht und damit auch zu einem lebenslangen Begleiter wird, oder möchte man seine Produkte immer den neusten Trends anpassen. Wirtschaftlich gedacht ist die zweite Variante für die Industrie natürlich lukrativer.

 Inspiriert von der japanischen Kunst des Papierfaltens ist dieses kleine Portemonnaie aus nur einem einzigen Stück Olivenleder handgefertigt. Ein Innenfach bietet Platz für Karten und Bargeld. Das Origami Wallet überzeugt durch minimalistisches Design kombiniert mit traditioneller Handwerkskunst.

Inspiriert von der japanischen Kunst des Papierfaltens ist dieses kleine Portemonnaie
aus nur einem einzigen Stück Olivenleder handgefertigt. Ein Innenfach bietet Platz
für Karten und Bargeld. Das Origami Wallet überzeugt durch minimalistisches Design
kombiniert mit traditioneller Handwerkskunst.

Designmob: War es kompliziert, Lieferanten zu finden, die transparent arbeiten?

NOY: Ja, sich ein Netzwerk aus guten und verlässlichen Lieferanten und Produzenten aufzubauen ist eine der größten Herausforderungen, wenn man dabei ist, ein Label aufzubauen. Doch das ist die absolute Basis, wenn man möchte, dass das Unternehmen funktioniert. Daher sollte man diesem Punkt eine große Beachtung schenken. Denn eine persönliche und vertrauensvolle Beziehung zu seinen Produzenten und Lieferanten ist sehr viel Wert, insbesondere, wenn man seine Lieferkette so transparent wie möglich gestaltet.

Duffle Bag

Duffle Bag

Designmob: Seid ihr auch der Meinung, dass es eine gesetzliche Pflicht zur Kennzeichnung der Herkunft von Leder geben sollte?

NOY: Ja definitiv. Grundsätzlich sollte es das Ziel sein, seine Lieferkette angefangen von den Rohmaterialien bis hin zur letzten Verarbeitungsstufe zu kennen. Aufgrund der vielen Verkettungen und Betriebsgeheimnisse ist es leider oftmals sehr schwierig. Dennoch sollte man stets bei seinen Lieferanten nachforschen und nicht aufhören zu fragen.

01„Daily Pouch“ und „Spectacle Case“

Designmob: Schuhe sind der Artikel schlechthin, den man gern aus Leder kauft. Welche Labels bevorzugt ihr, habt ihr Tipps?

NOY: Wir sind ein großer Fan von dem Schuhlabel Trippen. Sie verbinden ebenso wie wir zeitgemäßes Design mit Umweltverträglichkeit, Langlebigkeit und sozialer Verantwortung. Wir haben auch eine Kooperation mit dem Partnershop hier in Hamburg, wo ein Teil unserer Accessoires zum Verkauf angeboten werden.

Designmob: Wie steht ihr zu veganem Leder (ein sehr weitläufiger Begriff, I know)?

NOY: Veganes Leder muss man differenziert betrachten. Wird lediglich Material aus Chemiefasern verwendet, ist es nichts womit man sich rühmen kann „Veganes Leder“ zu verwenden. Denn in diesen Fällen wird nur der Aspekt in Betracht gezogen, dass das Material nicht aus Leder hergestellt wird und gerade hipp ist. Allerdings gibt es tolle alternative und innovative Materialien, die dafürsprechen, sich für ein veganes Produkt zu entscheiden, z.B. Ananasleder, Leder aus Pilzen etc. Allerdings darf man nie vergessen, dass Leder immer nur ein Nebenprodukt aus der Fleischindustrie ist. Leder ist seit mehr als 5000 Jahren ein wichtiger Bestandteil im Leben und der Entwicklung der Menschen. Es hat den entscheidenden Vorteil, dass es ein sehr langlebiges Produkt ist, und allein durch diese Betrachtungsweise sehr nachhaltig ist.

WIR BEDANKEN UNS FÜR DAS NETTE UND INFORMATIVE GESPRÄCH UND WÜNSCHEN GANZ VIEL ERFOLG MIT DIESEN SCHÖNEN, NACHHALTIGEN PRODUKTEN 😊