Es wird viel geredet und geschrieben über die Tracht.

Wie sie konkret auszusehen hat, welche Schuhe man dazu tragen sollte und welche auf keinen Fall. Und ob es affig ist, aus dem Dirndl eine Kostümierung zu machen, bei der exotische Stoffe und zu tiefe Décolletés im Vordergrund stehen.

Wir finden: Tracht ist immer dann schön, wenn sie mit Liebe gemacht ist und wenn die Person, die sie trägt, dahintersteht. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

Wir finden natürlich auch: Billigdirndl und Lederhosen vom Discounter oder fliegenden Händlern rund ums Oktoberfest sind genauso inakzeptabel wie Billigmode, die nur für einen einmaligen Anlass gekauft wird. Wer sich kein hochwertiges Dirndl leisten kann oder will, hat immer noch den Second Hand Laden als Alternative.

DIRNDL, DIE AUFFALLEN: HANDGEFERTIGTE EINZELSTÜCKE AUS DER OBERPFALZ

shooting 01

Mit Liebe und viel Expertise fertigt die Designerin, die wir heute vorstellen, außergewöhnliche Dirndl unter dem Label Mondhirschtracht in Cham in der Oberpfalz. Sylwia Dyczka entwirft die Modelle nicht nur, sie setzt sie auch höchstpersönlich an der Nähmaschine um, und zwar nach Maß!

Modelle, die man unerschwinglich wähnt, weil, alles Handarbeit made in Germany, macht sie durch ihre zügige und strukturierte Arbeitsweise erschwinglich. So kostet ein upgecyceltes Dirndl, je nach Aufwand, ab 50 € und eine Maßanfertigung ab 300 € + Stoff.

kinderdirndl 05

Dindl-Upcycling: Als alt mach neu

Dindl-Upcycling: Als alt mach neu

Dass bei ihr keine konventionelle Tracht zu erwarten ist, kann man schon vermuten, wenn man ihre Hauptkollektion kennt: Moons Fashion Child macht Sylwia‘s Einflüsse sichtbar: Elektronische Musik, Marvel und Alexander McQueen als Lieblingsdesigner prägen ihren Stil.

Designerin Sylwia Dyczka in einer ihrer selbst entworfenen und genähten Lieblingsbluse

Designerin Sylwia Dyczka in einer ihrer selbst entworfenen und genähten Lieblingsbluse

Sie hat eine Liebe zu Neuem, Progressivem aber auch zu Altem, zur Tradition. Sie schätzt aufwändig gewebte Stoffe wie hochwertige Jacquards aus Italien oder Schätze, die sie von Kundinnen geschenkt bekommt: Zum Beispiel handbestickte Bauernbettwäsche aus Baumwolle oder alte Bestände an Prêt-à-Porter Kollektionen.

Das Schiri-Dirndl: Alte Bauernbettwäsche. Neuer Look. Hier wird den Billigdirndln die rote Karte gezeigt

Das Schiri-Dirndl: Alte Bauernbettwäsche. Neuer Look. Hier wird den Billigdirndln die rote Karte gezeigt

Im Interview mit dem kreativen Kopf von Mondhirschtracht  konnten wir hinter die Kulissen des Design- und Dirndlschneidereiateliers blicken:

Designmob: Du hast eine Ausbildung als Schneiderin und danach viele Jahre als Musternäherin gearbeitet. Seit Abschluss deines Modedesignstudiums bist du selbständig. Hast du auch mal in Erwägung gezogen, für eine Firma als Designerin zu arbeiten?

SYLWIA: Während des Studiums ja. Nach diversen Praktika wurde mir aber schnell klar, dass man viel seiner eigenen Kreativität einbüßt. Design nach Vorgabe kann eine Herausforderung sein. Für mich ist es aber eher eine Einschränkung. Zudem bin ich im Herzen Chamerin und wollte immer dort bleiben, ich bin einfach kein Großstadtmensch.

Designmob: Du machst Maßanfertigungen von Dirndln. Wie funktioniert das für Kundinnen, die nicht in deiner Umgebung wohnen und somit nicht einfach mal zu einer Anprobe vorbeikommen können?

SYLWIA: Die Kundinnen bekommen von mir eine klare Anleitung, wie sie sich abmessen müssen; ich frage dabei nicht nur die Standardmaße ab, sondern auch sogenannte Zwischenmaße, die für das genaue erfassen der Proportionen wichtig sind. An meiner modularen Schneiderpuppe kann ich diese Information dann in 3D nachstellen und meinen über Jahre perfektionierten Dirndlgrundschnitt individuell anpassen. Das hat bisher immer sehr gut funktioniert so! Die Kundin bekommt ja, bevor ich das Modell aus dem Originalstoff zuschneide, ein Anprobemodell aus Ersatzstoff zugeschickt, es kann also nichts passieren. Diese Teile sind dafür da, zu überprüfen, ob der Schnitt passt. Übrigens bin ich bekannt für den verrückten Stoff, aus dem diese Vor-Modelle gemacht sind. Andere benutzen den einfarbig beigen Nesselstoff. Ich benutze auch hier lieber etwas Ausgefallenes :-)

funky Probestoff

Designmob: Wie lange muss man als Kundin für die Anfertigung eines Maßdirndls rechnen?

SYLWIA: Die Dauer ist immer abhängig von meiner momentanen Auftragslage. Ab Auftragserteilung sind es ca. 3-5 Wochen. Wir reden hier ja nicht nur vom Nähen, sondern der Stoff muss ausgewählt, das Probemodell gefertigt und geschickt und etwaige Folgeänderungen durchgeführt werden.

Das Schöne am Maßmodell: Den Kundinnen wird verdeutlicht, was alles hinter dem Handwerk steckt. Der schnelle Konsum von Billigbekleidung wird ad absurdum geführt

Das Schöne am Maßmodell: Den Kundinnen wird verdeutlicht, was alles hinter dem Handwerk steckt. Der schnelle Konsum von Billigbekleidung wird ad absurdum geführt

Designmob: Wir funktioniert das Upcyceln der Kleider und wie kamst du auf die Idee?

SYLWIA: Ich wertschätze Kleidung und Stoffe sehr. Wenn eine Kundin mir ihr altes Dirndl bringt und will, dass ich es modernisiere oder individualisiere, ist das, finde ich, eine schöne Aufgabe. Warum sollte man es weggeben? Mit ein bisschen Kreativität bekommt das Teil ein völlig neues Gesicht und so ein zweites Leben. Tatsächlich ist das Dirndl ja ein besonders wandelbares Kleidungsstück. Schon allein durch die Kombination unterschiedlicher Blusen und Schürzen kann es immer wieder aussehen wie neu.

Aus alt mach neu und wieder begehrenswert: Upgecycelte Dirndln von Mondhirschtracht

Aus alt mach neu und wieder begehrenswert: Upgecycelte Dirndln von Mondhirschtracht

Designmob: Was ist das Besondere an deinen Dirndln?

SYLWIA: Die Passform! An der habe ich lange gefeilt. Sie zeichnet sich durch ein etwas längeres Oberteil aus und dadurch, dass die Weite des Rocks nicht schon ab der Taille präsent ist, sondern erst weiter unten, das macht schlanker. Der eine oder andere Kniff und Trick ist obendrauf noch dabei, aber die werden nicht verraten 😊

Klotzen statt kleckern: Ludwig II. wäre neidisch geworden

Klotzen statt kleckern: Ludwig II. wäre neidisch geworden

 

medley

Auch die Kleinen werden entzückendst eingekleidet: Mondhirschtracht für Mädchen

Auch die Kleinen werden entzückendst eingekleidet: Mondhirschtracht für Mädchen

Designmob:  Neben den Maßdirndl hast du auch eine Hauptkollektion ohne Tracht, Moon’s Fashion Child. Wie würdest du deinen eigenen Style beschreiben und wie den deiner Kollektion?

SYLWIA: Mein eigener Stil ist experimentell. Mittlerweile mit Tendenz zu bequem. Aber immer was Besonderes. Moons Fashion Child kann ich mit einem Schlagwort beschreiben: Individuell!

Designmob: Welche Musik hörst du und hat dein Musikgeschmack Einfluss auf deinen Style?

SYLWIA: Elektronische Musik. Auf jeden Fall, ich mag passender Weise auch Science Fiction Filme. Beides hat eine Ästhetik, die mich sehr anspricht.

Designmob: Gibt es Sachen, die du besonders gern entwirfst?

SYLWIA: Ja, die gibt es! Mutter-Kind-Outfits. Die trage ich selber gern, zusammen mit meiner Tochter und es gibt immer mehr Kundinnen, die auch Gefallen dran finden.

Mutter-Kind-Outfits unterstreichen Mamas guten Stil

Mutter-Kind-Outfits unterstreichen Mamas guten Stil

Designmob: Welches Detail fällt immer nur dir auf- und sonst niemandem?

SYLWIA: Wenn Muster nicht zusammenpassen. Hier wird so lange getrennt, bis es zusammenpasst. Und noch was: Knopfleisten, die nicht richtig beklebt sind und aufspringen. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich bei Leuten drauf schaue. Um diesen Effekt bei meinen Modellen komplett zu vermeiden, habe ich bei allen Blusen den Knopfabstand verringert 😊

Designmob: Was ist das schönste Kompliment, das du jemals für ein Outfit bekommen hast?

SYLWIA: Wenn meine Schwester und mein Freund sagen „das sieht genial aus“. Es geht nicht um das Kompliment, sondern wer es sagt.

Wir finden bei ziemlich vielen Sachen von Sylwia, dass sie genial aussehen. Viel Spaß bei der Fotostrecke:

TIPP: ***NICHT VERPASSEN***

Am 16.September 2018 um 17.45 Uhr zeigt das Bayrische Fernsehen in der Sendung „Zwischen Altbayern und Schwaben“ einen Beitrag über unsere Dirndl-Rebellin Sylwia.

Dirndl 01

Dirndl 04

 

Dirndl 08

Dirndl 0714708175_1083628831752181_6133710243255915730_n13000310_948311465283919_554991868808471797_n

13920358_1017953058319759_134293575994262568_o